Aatish Taseer: »Terra Islamica«

 

Die Tyrannei der Belanglosigkeiten

Auf der Suche nach der islamischen Identität

Das Thema »Islam« ist immer gut für hitzige Diskussionen ebenso wie für Ressentiments und Vorurteile. Minarettverbot, Kopftuch, Burka und die gern verteufelte Scharia, das islamische Recht, sind nur einige der Schlagworte. Die vielen Publikationen über Fundamentalismus, Terrorismus, unterdrückte Frauen und so weiter und so fort verstärken die vorhandenen Klischees eher. Da stechen die wenigen Bücher ins Auge, die lesenswert und informativ sind. Aatish Taseers »Terra Islamica« gehört zu diesen nennens- und empfehlenswerten Büchern.

Als unehelicher Sohn eines pakistanischen, sprich muslimischen Vaters und einer indischen Mutter, einer Sikh, fühlt sich der mittlerweile britische Staatsbürger und Journalist Aatish Taseer dem Islam in diffuser Weise zugezogen. Er begibt sich auf die »islamische Reise« und auf die Suche nach den Wurzeln des Islams, nach den Lebensansichten gläubiger Muslime und auch auf die Suche nach seinem Vater, einem einflussreichen Politiker und Unternehmer in Pakistan. Diese Reise führt ihn über die Türkei, über Syrien, Saudi-Arabien und Iran schließlich nach Lahore im Norden Pakistans, wo er seinem Vater begegnet.

Ausgangspunkt der ungewöhnlichen Reise, im geographischen wie im ideellen Sinne, ist die Stadt Leeds in England. Dort führt der in London lebende Taseer nach den Anschlägen auf die Londoner U-Bahn in 2005 viele Interviews und verfaßt einen Artikel über die fundamentalistischen, gewaltbereiten Söhne muslimisch-pakistanischer Einwanderer, aus denen sich die Terroristen rekrutierten. Eine ihn überraschende Reaktion gibt den ersten Impuls zur Reise. Sein pakistanischer Vater hat diesen Artikel gelesen und kritisiert den Sohn daraufhin scharf als einen Verräter und wirft ihm vor, »gehässige antimuslimische Propaganda« zu verbreiten und keine Kenntnisse des »pakistanischen Ethos« zu besitzen.

Die insgesamt acht Monate dauernde Reise mit den vielen Begegnungen und auch gelegentlich unangenehmen Erlebnissen lässt sich nicht in wenige Sätze zusammenfassen. Hier sei nur soviel gesagt: Aatish Taseers Beobachtungen und Gespräche, gepaart mit dem Hintergrundwissen, das er sich als Journalist angeeignet hat, ergeben eine gute Mischung, um die einzelnen Stationen seiner Reise gut zu beschreiben.

Was er auf einigen wenigen Seiten ausführt, beispielsweise über das Verhältnis von Gesellschaft, Politik und Islam in der Türkei, ist von bemerkenswerter Prägnanz: Es sei das Grundübel des »agressiven Säkularismus« der modernen Republik Türkei und ihrer Vereinnahmung der religiösen Angelegenheiten, die zum Erstarken des Islams und der islamischen Identität führe. Dass er dort fundamentalistisch gesinnten Muslimen begegnet, die im Brustton der Überzeugung darlegen, »dass der Islam ein ideelles System darstellt, mächtig genug, das gesamte politische und gesellschaftliche System des Westens in die Schranken zu weisen«, verwundert da wenig.

Eine intensive Zeit verbringt Taseer im Iran und diese Passagen gehören zu den eindringlichsten des Buches, zumal es selbst ins Visier des Staatsschutzes gerät und das Land Hals über Kopf verlassen muss. Die Verformung der iranischen Gesellschaft nach der Revolution von 1979, die tiefe Kluft zwischen den herrschenden Klerikern und den Menschen auf der Straße, die unter dem Joch der pedantischen religiösen Regeln und Verhaltensvorschriften stöhnen, lassen den Beobachter zu einem Fazit kommen: Die Menschen im Iran haben unter einer despotischen Tyrannei der Belanglosigkeiten zu leiden, die die Macht der Herrschenden zementieren soll.

Taseer erzählt in zwei Strängen: Zum einen die Reisereportage, zum anderen die Geschichte seiner Familie und darin die kurze Liebesbeziehung seines Vaters mit seiner Mutter. Man kann daher Taseers Buch als einen persönlichen, mit informativen Anteilen angereicherten Reisebericht lesen oder als den Bericht einer Suche nach den väterlichen Wurzeln und dem Versuch einer Vater-Sohn-Beziehung. Doch das alleine wird der Tragweite des Buches nicht gerecht.

»Terra Islamica« kann summa summarum auch als eine analytische Feststellung gelesen werden. Auf eine Kurzformel gebracht, kann sie so lauten: Die islamische Welt ist hochkomplex, vielschichtig in ihren Ausformungen hinsichtlich Gesellschaft und Kultur und sie läßt sich nicht mit einigen wenigen Schlagworten erklären. Diesen Aspekt zu vermitteln, ist eine der wichtigen Vorzüge des Buches.

Nevfel Cumart

Aatish Taseer: Terra Islamica. Auf der Suche nach der Welt meines Vaters. C. H. Beck Verlag, München, 2010. 365 Seiten.

 


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