Alek Popov: »Die Hunde fliegen tief«

 

Von Heuschrecken und Underdogs

Alek Popovs grotesker Roman über Bulgaren in New York

Auch so kann man die Menschen einsortieren, zumindest die Bulgaren: in EBAL – »erfolgreiche Bulgaren außer Landes«, in BVIL – »bulgarische Versager im Lande«, und schließlich in DBÄ – die »diebischen bulgarischen Ärsche«. Das zumindest ist die Weltsicht des jungen Bulgaren Ned. Es liegt auf der Hand, dass Ned zu den EBAL gehört.

Er ist ein erfolgreicher Unternehmensberater, der in New York Karriere gemacht hat, zu dessen Alltag »verschwenderische Abendessen auf Kosten der Firma« ebenso gehören wie luxuriöse Hotels und Flüge erster Klasse. Denn Ned ist mit Firmenübernahmen dick im Geschäft. Dumm nur, dass sich sein Bruder Ango ankündigt, ein klassischer Fall von BVIL. Ango ist daheim in Bulgarien mit einem Kinderbuchverlag kläglich gescheitert, hat in der Green Card Lotterie eine Arbeitsgenehmigung für die USA gewonnen und macht sich auf den Weg nach New York.

Zwei Brüder, die nicht ungleicher sein könnten und eine Stadt, in der alles möglich ist – das ist die Ausgangslage, aus der der Bulgare Alek Popov einen rasanten und grotesken Roman entwickelt hat, der zu den Besten gehört, die in den letzten Wochen auf den deutschsprachigen Buchmarkt kamen.

Alek Popov, Jahrgang 1966 und mit allen stilistischen Wassern gewaschen, erzählt die Geschichte abwechselnd aus der Perspektive der beiden Brüder. Ango haftet das »Mantra der Verlierer« an, schließlich findet er einen Job als Hundeausführer im Central Park. Ned plant den weiteren Karriereschritt und zockt nebenbei mit seinem »Personal Wealth Manager« an der Börse.

Aus diesen beiden unterschiedlichen Perspektiven heraus lässt Popov die literarische Katastrophe anbahnen und streut dabei mit schlitzohrigem Witz Kritik an den kapitalistischen Westen ebenso wie an den postkommunistischen Osten ein. Ärger mit der Gewerkschaft, Hundeentführungen und Schutzgelderpressung bei Ango und eine verkorkste Firmenpräsentation mit anschließendem Absturz bei Ned treiben das Duo in absurde Abenteuer, zu denen auch gescheiterte Börsenspekulation auf fallende Tierfutterkurse, korrupte Polizisten und ein Vergiftungsanschlag auf New Yorks Hunde beitragen.

Nach einem furiosen Showdown, in dem Popov mit einem Feuerwerk absurder Ideen glänzt, tauschen die beiden ungleichen Brüder ihre Rollen: Der Versager als Held steigt auf zu New Yorks oberstem Tierschützer – und zum Millionär, der abgebrannte Yuppie als gescheiterte »Heuschrecke« wandert aus in die Wildnis Südamerikas.

Aber Vorsicht: Alek Popovs Roman nur als eine flott und geschickt geschriebene Variation der »Tellerwäscher-wird-zum-Millionär«-Geschichte zu lesen, würde ihm nicht gerecht werden. Unter der Oberfläche von Humor, Groteske und Surrealem lauern auch die Tiefen der Identitätssuche, Melancholie und insbesondere Heimatlosigkeit. Und das sind wahrlich keine trivialen Themen. Alek Popov meistert sie jedoch mit Bravour. Es bedarf keiner Doktorarbeit, um festzustellen: Wir werden von ihm noch hören!

Nevfel Cumart

Alek Popov: Die Hunde fliegen tief. Roman. Residenz Verlag, 2008. 411 Seiten.

 


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