Amity Gaige: »Schroders Schweigen«

 

Die Liebe eines Vaters

Amity Gaige bietet mehr als eine Scheidungsgeschichte

»Niemanden kümmert es, ob du glücklich bist oder nicht, wozu also auf Erlaubnis warten?« Das denkt sich der ehemalige Immobilenmakler Eric Kennedy und bricht mit seiner sechsjährigen Tochter Meadow zu einem »Abenteuerausflug« auf anstatt sie nach der vereinbarten Besuchszeit zu seiner Ex-Frau Laura zurückzubringen. Keine Frage: Es ist eine spontane Idee. Eine böse Handlung kann man Eric beim besten Willen nicht unterstellen. Es ist die Liebe zu seiner kleinen Tochter, die ihn antreibt. Und Ohnmacht. Und Verzweifelung. Und Ungerechtigkeit, die er zutiefst empfindet, nachdem er im Schlepptau des unfähigen Rechtsanwalts Thron den Sorgerechtstreit mit seiner Ex-Frau Laura verloren hat.

Was folgt, ist Schritt für Schritt ein Abgleiten in ein katastrophales Roadmovie, das schließlich – rechtlich gesehen – in eine Kindesentführung mündet und Eric hinter Gitter bringt. Eric klaut in der Nähe von Albany den Mini eines einer Kunden, reist damit ohne einen Plan oder ein bestimmtes Ziel gen Norden. Er schreckt nicht davor zurück, seine asthmakranke Tochter im winzigen Kofferraum nach Kanada schmuggeln zu wollen. Ebenso wenig hält er sie davon ab, mit »Klamotten« im kalten Lake George zu schwimmen. Und niemand hindert ihn daran, sie mitzunehmen in eine verrauchte Bar voller Betrunkener, in der er seinen Frust lindern will. Als ob das nicht reicht, verbringt der nach körperlicher Liebe hungernde Eric eine Nacht mit der Nachbarin in einer gemieteten Hütte, während Meadow vor lauter Angst nicht schlafen kann. Verantwortung für ein Kind sieht sicher anders aus. Dass Eric den lebenswichtigen Inhalator seiner Tochter vergessen hat, ist ein weiterer Schritt in die Katastrophe, die die kleine Meadow nach einem Anfall – Gott sei Dank noch rechtzeitig – in die Notaufnahme eines Bostoner Krankenhauses und den unfähigen Vater anschließend ins Gefängnis führt.

Dort blickt Eric zurück auf sein Leben und schreibt auf Anraten seines Verteidigers nach 21 Tagen Schweigen einen Bericht, um die Jury im anstehenden Gerichtsverfahren milde zu stimmen. Heraus kommt die Geschichte eines unglücklichen Jungen namens Eric Schroder, der als Kind 1975 mit dem Vater aus der DDR floh und dabei seine Mutter verlor. Aus einer Eingebung heraus gibt er sich den erlogenen Namen »Kennedy«, um als 14-jähriger den ersehnten Ferienplatz am Ossipee Lake zu bekommen, aber auch um der Diskriminierung als junger Immigrant zu entgehen. Schließlich gewöhnt sich Eric an diesen »letztlich desaströsen Betrug, die fingierte Identität« und an die Leichtigkeit des Flunkerns, die er auch gegenüber seiner angeheirateten Familie beibehält. All das und noch vieles mehr aus vierzig Jahren Erinnerung erfahren die Leser ungefiltert aus dem Mund des reumütigen Hochstaplers aus Not.

»Natürlich gibt es nur eine Sache, die uns wahrhaftig verstört, und das ist das Verschwinden der Liebe«. Das könnte einer der wichtigsten Sätze aus Erics »Rechtfertigungsschrift« sein. Und gleichzeitig ein glaubwürdiger Hinweis darauf, dass die US-Amerikanerin Amity Gaige den Lesern mit ihrem dritten Roman mehr als nur ein Roadmovie mit unglücklichem Ende liefern will. Weit über die Fallstricke in einer Scheidungsgeschichte hinaus geht sie ohne Larmoyanz und aufdringliche Bilder auch der Frage nach, was es heißen kann, von den kulturellen Wurzeln abgekappt zu werden.

Dabei präsentiert uns Amity Gaige einen Protagonisten, der zwar ehrlich, aber mit Sicherheit auch ein unzuverlässiger Erzähler ist. Einen vermeintlich liebevollen Vater, den man eigentlich nicht mögen kann nach all dem, was er verbrochen hat. Und doch gewinnt Eric die Sympathien der Leser bis zur letzten Seite. Am Ende bleibt für diese literarische Meisterleistung im Erzählverfahren der Apologie nur ein Wort: Kunststück!

Nevfel Cumart

Amity Gaige: Schroders Schweigen. Roman. Hanser Verlag; München. 315 Seiten.

 


Powered by Wordpress |