Andrea Busfield: »Mauertänzer«

 

Im Schatten der Taliban geboren

Andrea Busfields anrührend unterhaltsamer Afghanistan-Roman

Afghanistan. Ein kriegszerrütteltes Land, in dem sich die wenigsten an Zeiten des Friedens erinnern können. Ein unwirtliches Land, in dem nach Berechungen der UNO mehr Minen liegen als irgendwo sonst auf der Welt. Ein von Leid geplagtes Land, in das die Sowjets einmarschierten, in dem die Taliban ihr despotisches Regime ausübten, in dem heute al-Qaida neues Territorium absteckt, Warlords, Clans, Provinzgouverneure und auch die Regierung um ihren Anteil an der Macht kämpfen.

Und doch ist Afghanistan auch ein Land, dass Menschen bezaubern und sogar begeistern kann. Die britische Journalistin Andrea Busfield gehört zu diesen Menschen. Sie bereiste 2001 erstmals Afghanistan, verliebte sich »mit Haut und Haaren« in das Land und lebte danach für einige Jahre als Redakteurin in Kabul. Auch wenn das Leben in »vielfältiger Weise hart und gefährlich ist«, so Busfield, ist für sie Afghanistan »doch ein Land des Lachens und des Lichts, des Mitgefühl und des Lebensmut«. Es waren diese Liebe und Begeisterung, die vielen Begegnung mit Afghanen, die die 39-jährige dazu inspirierten, ihr Debüt »Mauertänzer« zu schreiben.

Der Held ihres Romans ist der elfjährige Fawad, der »im Schatten der Talban« in Kabul geboren wurde und dessen Familie grausam unter dem Regime gelitten hat: Sein Vater und sein Bruder starben durch die Taliban, seine ältere Schwester wurde verschleppt, das Haus der Familie niedergebrannt. Doch das alles liegt einige Jahre zurück. Wir schreiben das Jahr 2005 und Fawad lebt mehr recht als schlecht mit seiner Mutter bei der Tante. Zusammen mit seinen Freunden Jahid, Jamilla und Spandi nimmt er die Ausländer auf der belebten Chicken Street aus und trägt so zum erbärmlichen Einkommen der in fremden Haushalten putzenden Mutter bei.

Fawads Leben ändert sich, als seine Mutter eine Anstellung bei der Engländerin Georgie bekommt, die für eine Hilfsorganisation arbeitet. Sie wohnt gemeinsam mit dem Journalisten James und der Ingenieurin May in einem Haus. Fawads Weltbild gerät gehörig ins Wanken. Denn das Leben und Gebaren dieser drei Fremden ist so ganz anders. James frönt reichlich dem Alkohol und läuft zumeist halbnackt mit einer Zigarette im Mund durch das Haus, May ist lesbisch und weint einer Frauenliebe nach, was für einen afghanischen Jungen schwer nachvollziehbar ist.

Der erwachte Argwohn gegenüber diesen Fremden weicht aber bald einer Sympathie. Eine innige Liebe entflammt für Georgie, die er wie seine Mutter »beschützen« will. Denn Georgie ist in Gefahr: Sie liebt den reichen Paschtunen Haji Khan, der als Anführer eines Clans in viele Geschäfte verwickelt und stets von einem Dutzend Leibwächter umgeben ist. Eine Liebesbeziehung, die kaum Aussichten auf ein glückliches Ende zu haben scheint

Andrea Busfield gibt aus der Perspektive ihres jungen Protagonisten in einer vordergründig kindlich-naiven, aber gleichwohl fast philosophisch anmutenden Sprache einen Einblick in die Lebenswelt der Afghanen. Und wer gelesen hat, was dieser kleine Bengel über Stolz und Scham, über Leben und Tod, über Ausländer und Aufbauhilfe und auch »über die Liebe der Afghanen zu der Dichtkunst« erzählt, kann annährend ermessen, wie es im Herzen der Afghanen aussieht. Es gibt ein Afghanistan jenseits der Schlagzeilen über getötete Soldaten und Gräueltaten der Taliban. Der Roman »Mauertänzer« bringt dieses Afghanistan näher.

Nevfel Cumart

Andrea Busfield: Mauertänzer. Atrium Verlag Zürich, 2009, 334 Seiten.

 


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