Ariel Magnus: »Ein Chinese auf dem Fahrrad«

 

Allein im Chinatown von Buenos Aires

Ein furioser Roman über eine Entführung mit Folgen!

Der argentinische Autor Ariel Magnus weiß genau, dass der Anfang eines Romans sich nicht wie die Einführung einer Diplomarbeit in ein sprachwissenschaftliches Thema lesen darf. Deswegen beglückt er die Leser seines Romans »Ein Chinese auf dem Fahrrad« mit dem furiosen Auftakt einer Entführung.

Das unglückliche Opfer ist der 25-jährige Computerfreak Ramiro, der als Zeuge im Prozess gegen den Chinesen Li aussagen soll. Li soll der mysteriöse Brandstifter sein, der »El Fosforito« (das Streichhölzchen) genannt wird, ein gutes Dutzend Möbelgeschäfte in Brand gesteckt haben soll und nach seinen Untaten immer auf einem Fahrrad flüchtet. Eben jener Li schnappt sich den nichts ahnenden Ramiro auf der Toilette des Gerichts und entführt ihn in das Chinatown von Buenos Aires. Was folgt, ist, gelinde gesagt, ein »Kulturschock«, denn die Welt der Chinesen in seiner Heimatstadt war Ramiro bislang völlig fremd. Nun findet er sich in einer kleinen Wohnung im Stadtteil Belgrano wieder, umgeben von lauter Chinesen, die er nicht versteht.

Das »Unglück« von Ramiro mildert sich nach dem ersten »Kulturschock« in der chinesischen Parallelwelt, was nicht zuletzt auf die Begegnung mit der hübschen, klugen und sexuell sehr erfinderischen Näherin Yintai zurückzuführen ist. Sie »eröffnet« ihm auch die chinesische Welt, denn sie spricht spanisch, was Ramiro nur zufällig erfährt. Ebenso wie die Tatsache, dass sein Entführer Li gar kein Fahrrad fahren kann!

Neben der erotischen »Befreiung« genießt Ramiro auch die räumliche, denn die Chinesen schleppen ihn bald auf ihren Streifzügen überall hin mit, in ihre Minimärkte, Lokale, Bordelle und auch Karaoke-Bars. Er lernt den mit Filmambitionen gesegneten Japaner Lito und dessen chinesischen Kumpel Chen kennen, mit denen er unbeschwerte Stunden vor der Glotze sitzt und – natürlich chinesische – Martial-Arts-Filme anschaut.

Als die beiden eines Tages erdolcht in der Wohnung aufgefunden werden, Li und die anderen von einer jüdischen Verschwörungstheorie reden und einen Plan gegen die Juden ausarbeiten, an dem auch Ramiro mitwirken soll, wird die Sache turbulenter als sie eh schon ist.

Ariel Magnus beginnt nicht nur furios, er hält das Tempo den gesamten Roman durch. Gekonnt spielt er mit den kulturellen Klischees, beherrscht die schwierige Kunst der kurzweiligen Dialoge, sprüht förmlich vor Sprachwitz und bitterbösen Pointen, bei denen so manches Mal das Lachen im Halse stecken bleibt.
Sein Debüt ist ein mitreißender »Pageturner«, der ohne die Trickkiste der trivialen Unterhaltung auskommt. Und mit Ramiro hat Ariel Magnus eine äußerst sympathische und liebenswürdige Figur geschaffen, deren Erlebnissen (nicht nur erotischer Art), Beobachtungen, Mutmaßungen und »Lebensweisheiten« man gerne länger als »nur« 250 Seiten folgen möchte. Ein Philosoph über wirtschaftliche Entwicklungen globalen Ausmaßes ist dieser Schalk Ramiro auch, seine Analysen sind bestechend. Durch Autoren wie Magnus können wir uns auf die Buchmesse mit Argentinien als Gastland freuen. Vielleicht beschert sie uns weitere Bücher von diesem Kaliber.

Nevfel Cumart

Ariel Magnus: Ein Chinese auf dem Fahrrad. Roman. Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln, 252 Seiten.

 


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