Asfa-Wossen Asserate: »Ein Prinz aus dem Hause David«

 

Über das Leben im unfreiwilligen Exil

Asfa-Wossen Asserates Erinnerungen und seine Hommage auf Deutschland

»Wer das Exil nicht kennt, begreift nicht, wie grell es unsere Schmerzen färbt, und wie es Nacht und Gift in unsere Gedanken gießt«. Dieser Satz von Heinrich Heine sollte für Asfa-Wossen Asserate über Nacht zu einem denkwürdigen Zitat werden. Dabei sah es lange Zeit anders aus. Das Wort Exil kannte Asserate bis zu seinem 26. Lebensjahr allenfalls aus Büchern und von Klassikern wie Heine.

Als Großneffe des letzten äthiopischen Kaisers Haile Selassie und ältester Sohn des Vizekönigs von Eritrea erlebt Asserate eine glückliche Kindheit im Glanz des dreitausend Jahre alten äthiopischen Kaiserhauses. Er wächst auf in der Residenz seines Vaters, einem herrschaftlichen Anwesen auf den Bergen des Entoto, besucht als erster Äthiopier die Deutsche Schule in Addis Abeba und wird später zum Studium nach Deutschland geschickt.

Doch dann, im November 1974, als er dabei ist, in Frankfurt im Fach Äthiopistik zu promovieren, erhält sein Leben eine unerwartete Wende. Eine blutige Revolution unter der Führung des Offiziers Mengistu Haile Mariam findet in Äthiopien statt. Asserates Vater wird von den Revolutionären ermordet, seine Mutter und fünf seiner sechs Geschwister werden ins Gefängnis geworfen.

Aus dem geliebten Gastland wird ein unfreiwilliges Exil, aus dem Studenten als »politisch Verfolgter« wird ein Asylant, denn an eine Rückkehr nach Äthiopien ist nicht zu denken. Während der nächsten fünfzehn Jahre steckt er seine gesamte Energie in den Kampf um die Freilassung seiner Familie und die Befreiung seines Landes vom mörderischen Terror der kommunistischen Militärdiktatur unter Mengistu, die erst 1991 ein Ende fand.

Über diesen Kampf als Lebensaufgabe und noch einiges mehr hat Asfa-Wossen Asserate nun ein Buch geschrieben. Herausgekommen ist nicht nur ein sehr persönliches Buch, eine Erinnerung an den eigenen, ungewöhnlichen Werdegang, sondern auch eine Liebeserklärung an Deutschland und insbesondere Frankfurt am Main. Denn im Laufe der vier Jahrzehnte wurde ihm Deutschland zu einer Heimat, Äthiopien aber blieb sein Vaterland.

Einen zusätzlichen Reiz des Buches macht seine Betrachtung des deutschen Lebens aus. Als ehemals Fremder hat Asserate seinen ganz eigenen Blick auf die deutschen Eigenarten. Was er an den Deutschen mag, warum er sich manchmal über sie wundert und was ihn an den Deutschen stört, führt er im diplomatischen aber ehrlichen Ton aus.

Wer die Hoffnung hegt, eine Geschichte Äthiopiens lesen zu wollen, wird enttäuscht sein. Und wer meint, viel zu wenig über die negativen Aspekte dieser Zeit in Äthiopien zu erfahren, hat sicher recht: Über die Politik des Kaisers Haile Selassie und auch über die des eigenen Vaters, immerhin war er als Vorsitzender des Kaiserlichen Kronrats der zweitmächtigste Mann im Staat, erfährt man wenig.

Man erfährt kaum etwas über die Unterdrückung von Muslimen und anderen Glaubensgemeinschaften im Vielvölkerstaat, kaum etwas über das zentralistische Regime und dem Konservatismus, der ihm anhaftete. Nur: Asfa-Wossen Asserate hat nie diese Absicht gehabt, eine »historische Studie« über Äthiopien zu schreiben. Er erzählt in diesem Buch mit einem »subjektiven Blick« in erster Linie über sein Leben und das Schicksal seiner Familie. Und das wiederum macht er sehr eindrücklich.

Nevfel Cumart

Asfa-Wossen Asserate: Ein Prinz aus dem Hause David und warum er in Deutschland blieb. Scherz Verlag, Frankfurt am Main 2007. 384 Seiten.

 


Powered by Wordpress |