Baha Taher: »Die Oase«

 

Tod in der Wüste

Eine postkoloniale Parabel aus Ägypten

Der 1935 im oberägyptischen Karnak geborene Baha Taher gehört zu der Generation Intellektueller, die den nationalen Befreiungskampf gegen die britischen Kolonialherren bewusst miterlebt haben und sich 1952 mit den Zielen der Revolution unter Gamal Abd el-Nasser identifizierten. Aber das Verhältnis zur Ära des legendären Helden des arabischen Nationalismus einerseits und sein politisches Vermächtnis unter Präsident Anwar as-Sadat andererseits blieben geprägt von einer großen Unzufriedenheit.

Folglich verließ Taher seine Heimat Ägypten und arbeitet rund zwanzig Jahre als Übersetzer bei der UNO in Genf bis er schließlich 1995 zurückkehrte. In den folgenden Jahren avancierte er mit seinen Romanen zu einem der meistgelesenen Autoren in der arabischsprachigen Welt und wurde in Ägypten mehrfach ausgezeichnet. Für seinen jüngsten Roman »Die Oase« erhielt er 2008 den mit 50.000 Dollar dotierten und erstmals verliehenen »Arabic Booker Prize« für den besten arabischen Roman.

Der wegen seiner Sympathie für die anti-britischen Rebellen in Ungnade gefallene Offizier Machmud Abdel Sahir wird 1897 von den britischen Herrschern im ägyptischen Innenministerium zum Distriktkommissar der Wüstenoase Siwa nahe der lybischen Grenze ernannt. Auf dem Papier bedeutet diese Ernennung einen Aufstieg für Machmud, aber in der Realität führt sie ihn und seine irische Frau Catherine in ein Dilemma, an dessen Ende weniger der Erfolg denn der Untergang droht. Nicht umsonst sind die beiden Vorgänger Machmuds in der Oase ermordet worden.

Einerseits muss Mahmud um jeden Preis die ausstehenden Steuern und Abgaben in Form von vielen Tonnen Datteln und Olivenöl von den widerspenstigen Berberstämmen eintreiben. Andererseits erlauben die archaischen Gebräuche und Traditionen der miteinander verfeindeten Oasensippen ihm und seiner Frau keinen Zugang zu den Menschen. Die Mission ist zum Scheitern verurteilt.

Hinzu kommt noch die Eigensinnigkeit von Catherine, die als Hobby-Archäologin davon besessen ist, das Grab von Alexander dem Großen in einem der Tempel in der Oase zu finden. Mit ihrem verblendeten Forscherdrang ruft die unverschleierte Frau nicht nur bei den führenden Scheichs der Oase mehr als nur Empörung hervor. Als auch noch ihre schwer kranke Schwester Fiona zu Besuch kommt, mehren sich die Missverständnisse zwischen den Protagonisten. Gerüchte und Intrigen in der Oase, abgekartete Machtspiele dort wie in Kairo und Sprachlosigkeit auf beiden Seiten führen schließlich unaufhaltsam in die Katastrophe.

Baha Taher hat einen Roman vorgelegt, der als eine Parabel auf die bisherigen Niederlagen der Ägypter wie der arabischen Völker in der nachkolonialen Zeit gelesen werden kann. Mit dem Offizier Machmud hat er eine gebrochene Figur erschaffen, deren Heldenmut theoretischer Natur ist und für eine Auflehnung gegen die Repression des Staates und ihrer Machthaber nicht reicht. Von seinen ungenutzten Chancen und Seelennöten erfahren wir allerdings nur in ausgewählten Kapiteln, denn Taher arbeitet mit ständigen Perspektivenwechseln. Wird die Geschichte zunächst im Wechsel der beiden Figuren Machmud und Catherine erzählt, kommen später auch noch zwei miteinander rivalisierenden Scheichs der Oase sowie ein längeres Kapitel aus dem Munde Alexander des Großen hinzu.
Das ergibt eine gelungene Mischung aus menschlichen Fehlern und Schwächen, überkommenen arabischen Bräuchen und griechischen Mythen, die allesamt in einen Roman mit offenem Ende fließen.

Nevfel Cumart

Baha Taher: Die Oase. Roman. Unionsverlag Zürich, 2011. 333 Seiten.

 


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