Elif Shafak: »Die vierzig Geheimnisse der Liebe«

 

Du bist Wind und ich bin Feuer

Eine literarische Hommage an den islamischen Mystiker Rumi

»Er ist kein Prophet, und doch hat er ein Buch!« Der so Gepriesene ist Dschalal ad-Din Rumi (1207 – 1273), der größte Mystiker und einer der wichtigsten Dichter in der islamischen Geschichte. Rumis Hauptwerk »Mathnawi« enthält mit seinen rund 27 000 Doppelversen die gesamte Tradition der islamischen Mystik im Mittelalter und wird bis heute in tiefer Verehrung als »Der Koran in persischer Sprache« bezeichnet. Und aus ebensolcher Verehrung gab man Rumi zu Lebzeiten den Beinamen »Maulana« (unser Meister).

Rumi wird von vielen Seiten vereinnahmt: Da er in Balch geboren wurde, beharren die Afghanen darauf, dass er einer von ihnen sei. Da er in persischer Sprache schrieb, beanspruchen die Iraner ihn für sich. Und da er die meiste Zeit in Konya lebte, wo auch sein Mausoleum steht, behaupten die Türken stolz, dass er ein Türke sei. Doch Rumis universelle Lehre von der Liebe überschreitet solche Grenzen und wird weltweit rege rezipiert. Insbesondere in den USA sind Gedichtsammlungen von ihm Bestseller und werden von einer studentischen Leserschaft verschlungen. Es ist fraglich, ob sie jenseits der esoterischen Oberfläche in die Tiefe von Rumis Denken vordringen kann.

Unfraglich ist, dass die türkische Schriftstellerin Elif Shafak Rumis Leben und Werk zu erfassen vermag, widmete sie sich doch seit Jahren der islamischen Mystik. Da war es vielleicht nur eine Frage der Zeit, bis Rumi eine zentrale Rolle in einem ihrer Romane spielt.

Shafak beschreibt die Begegnung Rumis mit dem Wanderderwisch Shamsuddin, einem eigenwilligen Geist, der auf der Suche nach Gott weit vorangeschritten ist und sich über jegliche Konventionen setzt. Das Zusammentreffen mit dem unkonventionellen Derwisch wirft den berühmten orthodoxen Gelehrten aus der Bahn. Wochenlang ziehen sich beide in ein Zimmer zurück, sind Spiegel füreinander, vergessen die Umwelt, derweil sich durch Neid und Mißgunst Schlimmes anbahnt.

Doch die Geschichte um Rumi und Shamsuddin spielt sich im Hintergrund ab, es ist der Roman im Roman. Im Vordergrund von »Die vierzig Geheimnisse der Liebe« steht die 40jährige Ella Rubinstein, die mit ihrem Mann David und den drei Kindern in Northampton bei Boston lebt. Liebe steht nicht im Mittelpunkt von Ellas Leben. Eher eine Leere, die sie zusehends stärker verspürt. Ihr Mann betrügt sie seit Jahren, die ältere Tochter Jeannette will aus der Familie ausbrechen und Ellas einzige Leidenschaft, das Kochen, verspricht auch kaum Befriedigung. Da kommt ihr der Nebenjob als Gutachterin für eine Literaturagentur ganz recht. Doch Ella kann nicht ahnen, dass der erste Roman, den sie begutachten soll, sie zunächst in den Bann und später aus der Bahn werfen wird.

Das Manuskript heißt »Süße Blasphemie« und erweist sich als ein historischer Roman über die außergewöhnliche Freundschaft zwischen Rumi, »dem meistverehrten geistlichen Führer in der Geschichte des Islams« und Schamsuddin, »einem unbekannten wie skandalträchtigen Derwisch«. Von den ersten Seiten an ist Ella fasziniert von dem Roman. Aber auch von seinem Verfasser A. Z. Zahara, der in seiner Einleitung ganz im Geiste Rumis postuliert, dass die »Liebe der eigentliche Kern, der eigentliche Zweck des Lebens« sei. Sie nimmt per Mail und Brief einen intensiven Kontakt zu ihm auf und trifft sich sogar mit ihm in Boston. Überwältigt ist sie von diesem Mann, so wie einst Rumi von Shamsuddin, der aus dem Gelehrten durch die Flamme der Liebe einen Dichter machte.

Die 1971 geborene Elif Shafak ist eine Kosmopolitin: In Strassburg geboren und in Madrid aufgewachsen, studierte und promovierte sie in der Türkei, um später in Tuzcon zu lehren. Derzeit pendelt sie zwischen London und Istanbul. Dass sie eine der meistgelesenen Schriftstellerinnen der Türkei ist und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde, ließ sie nicht in das Seichtwasser des literarischen Mainstreams gleiten. Im Gegenteil. Weil sie in ihrem Roman »Der Bastard von Istanbul« die Vertreibung und die Massaker an den Armeniern thematisiert hatte, musste sie sich 2006 wegen »Herabwürdigung des Türkentums« vor Gericht verantworten.

»Die vierzig Geheimnisse der Liebe« schrieb Shafak, sehr zum Leidwesen der türkischen Ultranationalisten in Englisch. Es gelingt ihr, die beiden Erzählstränge geschickt miteinander zu verweben. Jedes Kapitel wird aus der Perspektive eines anderen Charakters erzählt und somit eine vielschichtige Erzählstimme komponiert. Literarisch hat Shafak eine doppelte Liebesgeschichte vorgelegt. Als kosmopolitische Vermittlerin hat sie den Fokus auf eine Facette des Islams gelenkt, die hierzulande in der unseligen Salafismus-Debatte kaum zur Kenntnis genommen wird. Die Presse in den USA und England war voll des Lobes über Shafaks Roman. Für die große britische Tageszeitung The Independent »verdient dieser Roman, ein weltweites Verkaufsphänomen zu werden«. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

Nevfel Cumart

Elif Shafak: Die vierzig Geheimnisse der Liebe. Roman. Kein & Aber Verlag; Zürich, 2013. 508 Seiten.

 


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