Frankfurter Buchmesse 2008: Gastland Türkei

 

Auf dem Weg in die Postmoderne

Ein kleiner Einblick in die türkische Literaturlandschaft

Ein Blick zurück in die 1960er Jahre, fördert ein gravierendes Missverhältnis zutage: Während allein von Franz Kafka in den 1960er Jahren zwölf Bücher in türkischer Übersetzung erschienen, betrug die gesamte Ausbeute übersetzter Titel aus dem Türkischen in Deutschland zwölf Titel. In den 1970er Jahren stieg die Zahl der Übersetzungen aus dem Türkischen auf 31 Bücher an.

Zumeist waren es Übersetzungen von Turkologen für eigene Belange und erschienen in Fachverlagen. Dieses zahlenmäßige Ungleichgewicht im literarischen »Austausch« zwischen beiden Ländern ist immer noch frappierend. Während zweit- bis drittklassige Thriller aus den USA haufenweise übersetzt und verlegt werden, findet die türkische Literatur kaum den Weg in die deutschen Buchläden.

Hier ist nicht der Raum, um die Gründe hierfür eingehend zu erörtern. Manche sehen in Deutschland eine starke Undurchlässigkeit für Literatur aus dem Osten, die in Ländern wie England, Frankreich oder den Niederlanden aufgrund der Kolonialgeschichte weniger ausgeprägt ist.
Andere erkennen in Themen und Funktion der türkischen Literatur – genannt seien Identitätsstiftung, Politikersatz und Literatur als ideologische Waffe – einen anderen Hauptgrund. Wiederum andere weisen auf die deutsche Geringschätzung der Türkei und ihrer Kultur hin.

Der Nobelpreisträger Orhan Pamuk brachte es in einem Interview polemisch auf den Punkt, warum er in Deutschland verhältnismäßig wenig rezipiert wurde, während er in anderen Ländern längst große Popularität genoss: »Wir Türken sind in Deutschland diejenigen, die im Frankfurter Hauptbahnhof den Boden wischen. Von solchen Leuten kauft man keine Bücher.«

Bleibt noch zu erwähnen, dass die auswärtige Kulturpolitik der Türkei, die in 1957 einen Vertrag über den kulturellen Austausch mit der Bundesrepublik abschloss, wenig dazu beigetragen hat, die Literatur im »nahen Ausland« Deutschland zu protegieren. Ein Blick in die schlampigen Broschüren des Kulturministeriums für die letzten Frankfurter Buchmessen spricht Bände.

Diese lieblosen und in brüchigem Deutsch verfassten Broschüren spiegeln jedoch nicht die Qualität wider, denn längst haben türkische Literaten und ihre Werke Eingang in die Weltliteratur gefunden. Der traumatische Einschnitt nach dem Militärputsch in 1980 scheint endgültig überwunden.
Die türkische Literatur hat in den letzten 20 Jahren eine enorme Entwicklung durchlaufen und bietet eine vielfältige Literaturszene, die derzeit von rund 1700 Verlagen getragen wird. Dank der Frankfurter Buchmesse, deren diesjähriges Gastland die Türkei ist, gibt es einen kleinen Boom an Übersetzungen türkischer Titel, die einen Einblick in diese Vielfalt rechts und links von Yaşar Kemal und Orhan Pamuk gewähren.

Eine der bemerkenswertesten Neuentdeckungen der letzten Jahre ist Hasan Ali Toptaş, der für seine fünf Bücher sechs Literaturpreise erhielt. Mit seinem Roman »Die Schattenlosen« sprengt er den Rahmen der beliebten »Dorfliteratur«, die von Autoren wie Fakir Baykurt geprägt wurde. Toptaş fällt der Verdienst zu, die Frage des Existenzialismus in das anatolische Dorf getragen zu haben.

In der türkischen Literaturszene (und den Buchläden) kommt man an Murathan Mungan nicht vorbei. Er ist ein »Multitalent«, der Dramen, Erzählungen und Romane vorgelegt hat und von Intellektuellen ebenso geliebt wird wie von der breiten Leserschicht. In »Tschador«, einem schmalen hochkomplexen Band, thematisiert Mungan Identitätsverlust und Fremdsein jenseits von nationalem Denken.

Ein Blick auf türkische Bestsellerlisten zeigt, dass neben den stets beliebten populärhistorischen Büchern über das Osmanische Reich und den Werken von nationalreligiösen Schriftstellern auch das relativ neue Genre der Krimis sich etabliert hat. Hierzulande konnten sich Esmahan Aykol mit ihrer Buchhändlerin Kati Hirschel und der »Grandseigneur des türkischen Krimis« Celil Oker mit seinem Privatdetektiv Remzi Ünal eine Leserschaft erobert.

Bemerkens- und entdeckungswert ist die Riege der Autorinnen jüngerer Generation, die in rasantem Tempo preisgekrönte Werke vorgelegt hat. Perihan Magden, Elif Shafak, Şebnem Işigüzel und Aslı Erdoğan zeichnen sich in ihren Werken durch ihr kosmopolitisches Denken und Schreiben aus. Sie setzen die Tradition der Internationalität fort, die mit Halide Edip Adıvar ihren Anfang nahm und sind der beste Beweis dafür, dass die türkische Literatur den Weg in die Postmoderne längst eingeschlagen hat.

Nevfel Cumart

 


Powered by Wordpress |