Hans Jansen: »Mohammed. Eine Biographie«

 

Die Demontage des Propheten Mohammed

Der Arabist Hans Jansen lässt kein gutes Haar an dem Propheten des Islam

Wer sich mit gläubigen Muslimen über den Stifter ihrer Religion unterhält, bekommt manchmal den Eindruck, als würde er alles andere im Islam in den Schatten stellen, so immens ist die Verehrung des Propheten Mohammed. Dabei steht nicht er im Mittelpunkt dieser Offenbarungsreligion, sondern der Koran, das eigentliche »Wunderwerk« im Islam, das heilige Buch der Muslime, das ihrer Überzeugung nach die Offenbarungen Gottes in arabischer Sprache enthält.

Der Prophet Mohammed war lediglich Sprachrohr für diese göttlichen Offenbarungen. Dennoch: Sein Leben gilt für gläubige Muslime als moralische Richtschnur in Fragen des Glaubens und der Frömmigkeit, seine vorbildlichen Taten und Aussprüche, die Hadithe, gelten als die zweitwichtigste Quelle im Islam, seine Verehrung hat mythische Dimensionen erreicht, nicht einmal sein Gesicht wird im sunnitischen Islam abgebildet. Welche Kränkungen und Tränen dänische Muhammed-Karikaturen vor diesem Hintergrund auslösen können, war unlängst zu sehen, von den Auswirkungen der gezielten Instrumentalisierung dieser Karikaturen durch islamische Fundamentalisten ganz abgesehen.

Wer sich allerdings mit Muhammed beschäftigen will, ist bisher auf einige alte Bücher angewiesen gewesen, denn bis auf zwei, drei kurze Zusammenfassungen ist in den letzten vier Jahrzehnten nichts Nennenswertes für interessierte Laien erschienen. Das hat sich in diesem Jahr gründlich geändert. Der in Leiden lehrende Ägypter Nasir Hamid Abu Zaid, der Bamberger Theologe Klaus Klausnitzer, der Göttinger Islamwissenschaftler Tilman Nagel und auch der niederländische Arabist Jansen haben in den letzten Wochen Bücher über den Propheten vorgelegt. Aus diesen Büchern ragt Jansens Muhammed-Biographie heraus, denn der Autor nimmt für sich in Anspruch, besonders säkular und aufklärerisch ans Werk zu gehen.

Der in Utrecht lehrende Jansen stellt zum Auftakt seines Buches fest, was Kennern bekannt sein und Laien verwundern dürfte: Dass über das Leben Mohammeds keine anderen schriftlichen Quellen außer den islamischen existieren. Hier ragt insbesondere die Prophetenbiographie des Chronisten Ibn Ishaq hervor, die im Jahre 750 n. Chr. im Irak geschrieben wurde.
Auf diese früheste und umfangsreichste Biographie, so Hans Jansen, fußen alle anderen Lebensgeschichten Mohammeds sowohl in der islamischen als auch in der westlichen Welt. Dieses Werk von Ibn Ishaq geht Jansen Passage für Passage durch und zeigt die mit heutigen wissenschaftlichen Mitteln nachweisbaren Ungereimtheiten und Unwarscheinlichkeiten in den geschilderten Ereignissen ebenso wie die chronologischen Widersprüche auf.

Aus diesem Manko der Glaubwürdigkeit und dem Fehlen von anderen zeitgenössischen Quellen außer der islamischen Tradition, schließt Jansen, dass alle anderen Details und Ereignisse in der Prophetenbiographie auch unwahr sein könnten, erfunden von Chronisten und übernommen von nachfolgenden Generation in blinder Nachahmung. Von hier aus ist der Weg nicht mehr weit bis zum nächsten Gedanken, die Existenz eines historischen Mohammed gänzlich in Frage zu stellen.

Hans Jansens Buch ist im wahrsten Sinne des Wortes eine gepfefferte Antibiographie. Er demontiert das herkömmliche Mohammedbild und das macht er, man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, mit einer sarkastischen Genugtuung. Dabei schreckt er vor drastischen Übertreibungen nicht zurück, etwa wenn er den Kampf Mohammeds gegen zwei jüdische Stämme in Medina mit dem Holocaust Hitlers vergleicht.
Mag sein, dass Jansens kompromisslose Demontage des überlieferten Prophetenbildes und seine drastische Sprache den jüngsten Entwicklungen im eigenen Lande geschuldet sind, überschattet vom Mord an den Filmemacher Theo van Gogh.
Mag auch sein, dass Jansen den islamischen Fundamentalisten den ideologischen Boden unter den Füßen entziehen will, da diese sich somit auf ein »falsches« Bild beziehen würden.

Aber dennoch bleiben einige Fragen offen und entlarven die teilweise sehr fragwürdige Methode in der Vorgehensweise: Warum hält Jansen eigentlich nur das für wahrscheinlich und wahr, was nach heutigen Maßstäben den Propheten in einem schlechten Licht, gar als brutalen und blutrünstigen Führer dastehen lässt, der nicht einmal vor Mordaufträgen zurückschreckt? Warum hat Jansen die wichtigste Quelle im Islam, den Koran, überhaupt nicht berücksichtigt?
Er weiß doch, dass der in rund 23 Jahren geoffenbarte Textkorpus nicht nur die Kernbotschaften des Islams in Glaubensfragen, sondern auch viele historische Informationen enthält. Und was haben dieser zynischer Spott und diese Häme in solch einem vom Ansatz her bemerkenswerten Buch zu suchen?

Dass Jansen kein gutes Haar lässt an den Propheten, ist für so manchen den Glauben respektierenden Muslim oder Nichtmuslim sicher bitter genug. Muss er dann noch all die Muslime, die eben an diesen Propheten und das Gute des von ihm überlieferten Bildes glauben, auch noch für dumm erklären?

Nevfel Cumart

Hans Jansen: Mohammed. Eine Biographie. C. H. Beck Verlag, München 2008. 491 Seiten.

 


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