Helen Garner: »Das Zimmer«

 

Danach kommt der Tod

Helen Garners ergreifender Roman über Tod und Freundschaft

Literatur aus Australien findet nicht häufig den Weg in die Regale deutscher Buchhandlungen. Umso erfreulicher, dass Helen Garners schmaler Roman »Das Zimmer« dazugehört. Mehr noch: Dieser Band ist ein kleiner Glücksfall im literarischen Sommer des Jahres. Bislang ist das der einzige Titel von Helen Garner auf dem deutschen Buchmarkt. Doch das dürfte sich nach »Das Zimmer« sicher bald ändern. Zu wünschen wäre es, denn die 1942 geborene Garner hat viel zu bieten. Sie gehört zu den bedeutendsten Autorinnen Australiens. Für ihre Sachbücher und Romane, die teilweise von Jane Campion verfilmt wurden (»Zwei gute Freundinnen«), wurde sie mit zahlreichen renommierten Preisen ausgezeichnet.

»Das Zimmer« ist in vielfacher Hinsicht ein bemerkenswertes Buch. Da ist zum einen das Thema zu nennen: Krebs und Tod gehören nicht gerade zu den gewünschten »Mainstream-Themen«. Eine Pilgerreise nach Santiago de Compostela, ein verwaister Zauberlehrling oder aber eine schnodderige Lifestyle-Biographie sind da eher geeignet, zum Publikumsrenner zu avancieren. Zum anderen haben wir es mit ungewöhnlichen Figuren zu tun: Wann hat man schon einen Roman gelesen, deren einzige Protagonistinnen Frauen weit über sechzig sind?

Anders gesagt: Helen Garner ist eine mutige Autorin, was Thema und Helden ihres Romans betrifft. Und eine äußerst geschickte zugleich: Denn was sie auf den 174 Seiten bietet, hätte bei einer zweitklassigen Autorin ein Wälzer von 500 Seiten mit Tragik, Trauer und Leid werden können. Nicht so bei Garner: Kein Wort ist zuviel, klar und schnörkellos kommt die Geschichte daher und doch fehlt der Blick für das Detail nicht, schimmert ein liebevoller Erzählton durch, entwickelt sich eine psychologische Tiefe, die fesselt und beeindruckt.

Die Geschichte ist so einfach wie tragisch: Die in Melbourne lebende 64-jährige Hauptfigur Helen nimmt ihre krebskranke Freundin Nikola bei sich auf. Nach diversen Operationen und Chemotherapien haben die Ärzte in Sydney Nikola förmlich abgeschrieben, ihr Körper ist voller Metastasen. Hier in der Stadt will Nikola sich einer alternativen Heilungsmethode mit »Vitamin-C-Kuren« und anderen obskuren Mitteln unterziehen. Helen begleitet ihre Freundin zu diesen Behandlungen am »Theodore Institute«, zu der auch eine »Ozontherapie« gehört.

Aber so einfach lassen sich die Krebszellen nicht »aus dem Körper herausspülen«, wie die Sprechstundenhilfe der nach Hoffnung suchenden Nikola suggeriert. Ständige Schwächeanfälle, Schweißausbrüche in den Nächten und starke Schmerzen am ganzen Köper tyrannisieren Nikola – und Helen, die immer aufgebrachter am Sinn der Behandlungsmethode zweifelt und ihrer Freundin wenigstens den unerträglichen Schmerz nehmen will: Mit guter alter Schulmedizin und starken Schmerzmitteln.

Doch Nikola sträubt sich bis zu letzt dagegen, Morphiumtabletten zu nehmen. Der Grund liegt für sie auf der Hand: »Weil das die letzte Stufe vor dem Tod ist.« Der naht unausweichlich, das ist auch Helen klar, doch wie lässt sich das in Worte fassen, was die geliebte Freundin nicht sehen kann und will. Welche körperlichen wie emotionalen Strapazen die Pflege der todkranken Freundin mit sich bringen, dass neben Trauer und Ohnmacht auch Wut in das Haus dringen wird, all das hat Helen nicht vorhersehen können.

»Das Zimmer« ist natürlich ein Roman über den Tod, keine Frage. Aber es ist auch ein Buch über die Ohnmacht der Helfenden, die aus Sorge um das Leben des geliebten Menschen in Wut umschlagen kann. Doch mehr als das ist »Das Zimmer« eine bewegende Geschichte über wahrhaftige Freundschaft, die über den Tod, die Ohnmacht und die Wut hinaus reicht!

Nevfel Cumart

Helen Garner: Das Zimmer. Roman. Berlin Verlag Berlin, 2009. 174 Seiten.

 


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