Hiromi Kawakami: »Bis nächstes Jahr im Frühling«

 

Von der Vergänglichkeit der Liebe

Die Meisterin des Minimalismus und der zarten Andeutung schreibt

Als die 1958 geborene Hiromi Kawakami die literarische Bühne Japans betrat, war sicher nicht abzusehen, dass ihr eines Tages solch ein Erfolg beschieden werden würde. Mehr noch: Die Literaturkritik nahm schlichtweg keine nennenswerte Notiz von ihr. Das war auch verständlich, denn sie veröffentlichte 1980 unter dem Pseudonym Yamada Hiromi ihre erste Science-Fiction-Erzählung, der noch weitere folgten. Dieser erste Anlauf verlief im Sand.

Der zweite hingegen verlief wie aus dem Wunschbuch angehender Autorinnen: Nach Jahren der Schreibpause, in der sie als Biologin arbeitete, erschien 1994 die erste Sammlung literarischer Erzählungen, die vielfach beachtet wurde. Zwei Jahre später der erste Roman, der mit einem Preis für vielversprechende Jungautoren ausgezeichnet wurde. Und bereits für ihren dritten Roman »Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß«, der in Deutschland acht Jahre später (2008) erschien, erhielt sie den »Tanikazi-Prize«, den wohl wichtigsten Literaturpreis des Landes.

In diesem Roman lässt Kawakami auf eine sehr behutsame Art und Weise eine Liebesbeziehung zwischen einer jungen Frau und ihrem fast doppelt so alten ehemaligen Literaturlehrer anbahnen. Nur zaghaft, fast mühsam und quälend langsam kommen sich die beiden ungleichen einsamen Menschen näher. Dasselbe läßt sich über das Tempo des Agierens sagen, das die beiden Hauptfiguren des neuen Romans »Bis nächstes Jahr im Frühling« an den Tag legen. Mit einem großen Unterschied. Dieses Mal geht es nicht um ein Zueinanderfinden, sondern um ein Auseinandergehen. Das Thema ist universell und eigentlich schnell erzählt: Das Ende einer Beziehung. Doch Kawakami zelebriert diese Vergänglichkeit und Zerbrechlichkeit mit einer dahinfließenden Langsamkeit und einer unaufgeregten Sprache bar jeder Schnörkelei.

Noyuri und ihr Ehemann Takuya sind ein kinderloses Paar und führen bereits im siebten Jahr eine Ehe, »eine ruhige, ereignislose Beziehung« ohne Leidenschaft. Als Noyuri durch einen anonymen Anruf erfährt, dass Takuya eine Geliebte namens Satomi hat, leugnet er die Beziehung nicht. Mehr noch, er bietet ihr die Möglichkeit einer Scheidung an. Noyuri aber will zunächst keine Trennung. Sie trifft sich mit der energischen und selbstbewussten Satomi, sogar mehrfach. Eine Aussprache mit ihr aber gelingt Noyuri nicht. Die anonymen Anrufe reißen nicht ab. Bis sich herausstellt, dass Takuya noch eine weitere Liebesbeziehung mit seiner Arbeitskollegin Fumi unterhält. Es ziehen Monate ins Land, bis Noyuri fähig ist, die ersten Schritte einer räumlichen Trennung zu vollziehen.

Wie in ihren bisherigen Werken auch, findet sich in »Bis nächstes Jahr im Frühling« ausgesprochen wenig Handlung. Abgesehen von einem Umzug, zwei kurzen Reisen zu Kurorten mit heißen Thermalquellen und einigen mehr Restaurantbesuchen gibt es kaum welche. Getragen wird die Geschichte von Gesprächen, Tagträumen, Telefonaten und Erinnerungen an die Kindheit Noyuris. Dabei erweist sich Hiromi Kawakami als eine Meisterin des Minimalismus, der zarten Andeutung und der Zurückhaltung. Die Sprachlosigkeit der Liebenden ist zwischen den Zeilen der geschickt komponierten Dialoge stets präsent. Das macht den Roman zu einer elegisches Meditation über die Vergänglichkeit der Liebe.

Nevfel Cumart

Hiromi Kawakami: Bis nächstes Jahr im Frühling. Roman. Hanser Verlag; München. 224 Seiten.

 


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