Jakob Arjouni: »Bruder Kemal. Kayankayas fünfter Fall«

 

Der deutsch-türkische Straßenköter

Kemal Kayankaya ermittelt nach über zehn Jahren wieder in Frankfurt

Wie grausam kann ein Schriftsteller bloß sein! Erst lässt uns der in Berlin lebende Jakob Arjouni zehn lange Jahre warten. Dann liefert er uns auch noch einen völlig veränderten Privatdetektiv Kemal Kayankaya, den wir kaum wieder erkennen! Und doch lesen wir begierig Zeile für Zeile und sind dankbar, dass »Bruder Kemal« endlich wieder im Einsatz ist und im Frankfurter Dreck wühlt.

Der ist mittlerweile 53 Jahre alt, säuft kein Bier mehr, hat reichlich Bauch angesetzt, mit dem notorischen Rauchen aufgehört, fährt schwitzend Fahrrad, lebt mit einer ehemaligen Prostituierten in einer gepflegten Vier-Zimmer-Altbauwohnung im Frankfurter Westend und liebäugelt mit dem Vaterwerden. Was würden die Kollegen Philip Marlowe und Sam Spade wohl zu soviel Demütigung sagen? Doch noch ist nicht alles verloren. Denn von seiner alten Straßenköter-Mentalität und seinem unfehlbaren Auge hat Kemal Kayankaya scheinbar nichts eingebüßt. Das wird schon auf den ersten Seiten klar, als er eine bildhübsche und reiche Mandantin aufsucht.

Valerie de Chavannes ist eine französische Bankierstochter und Künstlergattin, bewohnt eine noble Villa im Frankfurter Diplomatenviertel und macht sich große Sorgen um ihre verschwundene Tochter, die vermutlich mit einem Fotografen durchgebrannt ist. Kayankaya soll die 16-jährige Marieke gegen einen imposanten Tages- und Schweigesatz finden und heimbringen. Sieht aus wie leicht und schnell verdientes Geld, zumal Mutter de Chavannes die Adresse des reizenden Fotografen (und Ex-Liebhabers) kennt.

Doch Arjouni wäre nicht Arjouni, wenn sich dieser Fall nicht als ein Sumpf aus Prostitution, Vergewaltigung, Drogenhandel und Mord entpuppen würde. Und wenn er seinem arg gebeutelten deutsch-türkischen Privatdetektiv nach solch einer Dekonstruktion nicht noch eine weitere Bürde aufhalsen würde: Kayankaya wird zeitgleich von der Pressefrau eines Verlages engagiert, für einen bedrohten islamischen Autor auf der Frankfurter Buchmesse Bodyguard zu spielen. Der »Skandalautor« Malik Rashid kommt aus Marokko und schreibt in seinem Roman über den Umgang mit Homosexualität in einem arabischen Land. Auch hier rechnet Kayankaya mit einem leichten Spiel, zumal er gleich die Drohkulisse als Marketingmittel durchschaut. Pech nur, dass Rashid entführt wird und der Fall vollends aus dem Ruder gerät. Am Ende finden wir einen – immer noch – hartgesottenen Kayankaya, der um Haaresbreite einer Mordanklage entgeht und sich glücklich schätzen kann, dass er einen rumänischen Freund im Polizeipräsidium hat, der so deutsch aussieht, »als hätte Himmler ihn für den Erhalt der öffentlichen Ordnung noch persönlich züchten lassen«.

Islamisten, die mit Drogen dealen, Zuhälter, die in feinen Kreisen verkehren, Verlagsangestellte, die mit getürkten Gefahrenszenarien den Buchverkauf ankurbeln, religiöse Eiferer, die vor Kidnapping nicht zurück schrecken, Upperclass-Frauen mit dunkler Vergangenheit. Arjouni bietet ein beeindruckendes Arsenal an Figuren auf und bettet sie in zwei Handlungsstränge ein, an deren Zusammenführung zweitklassige Autoren kläglich gescheitert wären. Bei ihm entsteht daraus mit sarkastischem Humor und einer unbeschreiblichen Leichtigkeit eine ausgeklügelte Story, anders gesagt: hohe Krimi-Kunst, die reichlich mit überzeugenden Milieustudien angereichert ist! Und keine Frage: Hierzulande gibt es niemanden, der so gekonnt Dialoge schreiben kann wie Arjouni!

Nevfel Cumart

Jakob Arjouni: Bruder Kemal. Kayankayas fünfter Fall. Roman. Diogenes Verlag; Zürich, 2012. 240 Seiten.

 


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