Navid Kermani: »Wer ist wir? Deutschland und seine Muslime«

 

Eine ruhige Stimme in der Integrationsdebatte

Navid Kermanis Streitschrift über Muslime in Deutschland.

Der in Köln lebende iranische Schriftsteller Navid Kermani erlebte einen »Popularitätsschub«, über den er sich sicher gefreut hätte, wenn denn die Umstände nicht so unangenehm gewesen wären. Was war geschehen? Der hessische Ministerpräsident Koch wollte den Kulturpreis seines Bundeslandes in diesem Jahr an Protagonisten des interreligiösen Dialogs vergeben und wählte (bzw. ließ wählen) den Mainzer Kardinal Lehmann, den Ex-Präsidenten der evangelischen Kirche in Hessen, Steinacker, den Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde in Frankfurt, Salomon Korn, und eben Kermani als »Vertreter« der Muslime.

Nach der öffentlichen Bekanntgabe dieser Entscheidung erfuhr Kermani wenig später aus der Zeitung, dass ihm diese Auszeichnung wieder aberkannt worden war. Warum? Weil die Vertreter der beiden christlichen Konfessionen es ablehnten, einen Preis gemeinsam mit Kermani entgegenzunehmen. Lehmann und Steinacker störten sich an einem essayistischen Text Kermanis, in dem er die christliche Kreuzestheologie aus islamischer Perspektive kritisch bewertet hat. Es gab kaum ein namhaftes Medium, das nicht über diese Kehrtwende berichtet hätte.

Diese Farce hat Navid Kermani sicher nicht verdient. Er ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Mitglied der von der Bundesregierung ernannten Deutschen Islamkonferenz und hat mit seinen Sachbüchern den christlich-islamischen Dialog bereichert. Keine Frage, Kermani ist ein überaus kluger Kopf und ein scharfsinniger Beobachter der deutschen Zustände. Er ist zudem ein profunder Islamwissenschaftler, der zu praxisnahen Analysen fähig ist.

Jetzt kommt noch das i-Tüpfelchen: Kermani, der für sein akademisches und literarisches Werk mehrfach mit Preisen ausgezeichnet wurde, kann schreiben, kann herrlich präzise und unaufgeregt formulieren. Das macht sein Buch »Wer ist wir?« neben dem Erkenntnisgewinn zu einer sehr angenehmen Lektüre inmitten all der pseudo-wissenschaftlichen Bücher zum Thema »Islam in Deutschland«.

Kermani räumt mit so manchem in der deutschen Gesellschaft etablierten Klischeebild zum Islam auf. Für ihn ist eines der Grundprobleme im Umgang mit dem Islam, dass die Muslime und ihre Identität auf ein einzelnes Kriterium wie die Religionszugehörigkeit reduziert werden. Gegen diese »Identitätsfalle« schreibt Kermani beharrlich an.

Dabei belässt er es nicht bei Beobachtung und Analyse, sondern bringt auch viel Autobiographisches ein, um zu belegen, dass sich jede Persönlichkeit aus vielen unterschiedlichen und veränderlichen Identitäten zusammensetzt. So macht er deutlich, dass er Muslim, aber auch Schriftsteller erotischer Literatur, Vater zweier Töchter, Journalist, Fußballfan des 1. FC Köln, forschender Islamwissenschaftler und vieles andere mehr ist.

Zu den weiteren Themen seiner »Streitschrift« gehört auch die Entstehung von Parallelgesellschaften, die in seinen Augen nachweislich soziale Gründe haben. Einzig den Islam für solche Phänomene wie Zwangsheirat und Ehrenmord verantwortlich zu machen, greife viel zu kurz und blende andere wichtige Faktoren aus. Diesen Reflex beobachtet Kermani in der gesamten Integrationsdebatte. Nicht erst am Ende der neun Kapitel kommt er zu dem Schluß, dass die Integrationsdebatte zu sehr auf die Religion verengt wird.

Kermani ist zwar orientalischer Herkunft, doch – um ein Klischee zu bemühen – er »fabuliert« nicht, weder in positive noch in negative Richtung. Anders gesagt: Er betreibt keine blauäugige Schönfärberei und auch keine Ressentiments schürende Panikmache. Vielmehr liefert er eine ausgewogene Mischung an klugen und sachlich fundierten Einsichten und versprüht trotz aller Kritik an die deutsche wie muslimische Adresse eine Prise Optimismus. Inmitten der sehr emotional und meist unsachlich geführten Integrationsdebatte hierzulande ist das wahrhaftig ein nicht zu unterschätzender Beitrag. »Wer ist wir?« ist das Buch eines Autors mit ruhiger Stimme, dem man viele Leser und rege Diskussionen wünscht.

Nevfel Cumart

C. H. Beck Verlag München, 2009. 173 S.


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