Lauren Grodstein: »Die Freundin meines Sohnes«

 

Im Trümmerfeld des Lebens

Ein beklemmendes Porträt einer amerikanischen Mittelklassefamilie

Pete Dizinoff hat alles im Leben, was sich ein amerikanischer Familienvater der gehobenen Mittelschicht nur wünschen kann. Er ist ein angesehener Internist mit eigener Praxis in einem guten Wohnviertel, seine hübsche Frau Elaine unterrichtet an der Universität, sein Sohn Alec, das lang ersehnte und einzige Wunschkind, genießt die beste Ausbildung und steht kurz vor dem College. Die Familie bewohnt ein schönes eigenes Haus in New Jersey, nimmt rege an diversen Clubaktivitäten und jüdischem Gemeindeleben teil und pflegt insbesondere mit dem Ehepaar Joey und Iris eine seit vielen Jahren bestehende enge Freundschaft.

Alles läuft in geordneten Bahnen also. Besser gesagt: lief in geordneten Bahnen! Denn innerhalb kurzer Zeit wird aus der idyllischen Wohlstandsharmonie ein Trümmerfeld des Lebens. Wie? Das erzählt uns Lauren Grodstein in ihrem beklemmenden Roman »Die Freundin meines Sohnes«.

Die im Titel erwähnte Freundin ist auch der Stein des Anstoßes für den Weg in die Familientragödie. Sie heißt Laura, ist die Tochter von Petes bestem Freund Joey – und in seinen Augen eine Mörderin! Denn Laura war mit 16 Jahren schwanger, brachte ihr Kind verfrüht in der Toilette einer öffentlichen Bibliothek zur Welt und tötete es dort. So sah es zumindest der Staat New Jersey, der ihr daraufhin den Prozeß machte. Seitdem war Laura verschwunden, Gras über die Sache gewachsen in den vergangenen dreizehn Jahren.

Doch zum großen Verdruss von »Doktor Pete« ist Laura wieder zurück bei ihren Eltern und verdreht bei erster Gelegenheit Alec den Kopf. Dass sein 20-jähriger Augenstern mit einer 30-jährigen Kindsmörderin ausgeht, passt dem von Vaterliebe verblendeten Pete gar nicht in die Lebenspläne, die er für seinen Sohn entworfen hat. Er torpediert diese in seinen Augen verwerfliche und gefährliche Beziehung mit allen Kräften, doch ohne Erfolg. Schlimmer noch: Pete ist so auf das »Problem« fokussiert, dass ihm ein vermeidbarer Behandlungsfehler unterläuft und eine Patientin stirbt. Und als ob das nicht reichen würde, entschließt sich noch Alec, sein Studium an den Nagel zu hängen und mit Laura aufs Geratewohl nach Paris zu gehen. Daraufhin sieht Pete Dizinoff rot und handelt, mit katastrophalen Folgen für sich, seine Familie und seine besten Freunde Joey und Iris.

Laura Grodstein gelingt es, ohne große Effekthascherei eine Familientragödie zu erzählen, die vielleicht nicht in dieser drastischen Form, doch in ähnlicher Weise in so manchen Familien sich abgespielt haben könnte. Dabei gelingt ihr das kleine Kunststück, die Geschichte von Pete selbst erzählen zu lassen. Dass dieser mit seiner verbohrten Moralvorstellung, seiner abgöttischen Liebe zum Sohn und dem Lebensentwurf für ihn sicher ein unzuverlässiger Erzähler ist, liegt auf der Hand.

Grodstein läßt ihn in einer geschickten Komposition aus Rückblenden, Monologen und Zeitsprüngen die Geschichte erzählen und gibt den Lesern einen überzeugenden Einblick in den zerrissenen Charakter dieses im Grunde tragischen Vaters und Verlierers.

Nevfel Cumart

Lauren Grodstein: Die Freundin meines Sohnes. Roman. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart, 2011. 351 Seiten.

 


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