Mahmud Doulatabadi: »Der Colonel«

 

Die Last eines Jahrhunderts

Mahmud Doulatabadi rechnet nicht nur mit dem iranischen Regime ab

Wer bei der iranischen Zensurbehörde in Teheran arbeitet, hat zumeist keinen schwierigen Job. Denn was gesagt werden darf, ist klar umrissen, die Tabuthemen sind gut abgesteckt und im Zweifelsfall steht das despotische Regime mit Drohung, Haft und Folter hinter einem. Nach vielen Jahren des geistigen Terrors und der Unterdrückung, haben viele iranische Literaten die Grenzen des Erlaubten verinnerlicht, um der Zensur zu entgehen. So genügen manchmal einige wenige Kürzungen und Umformulierungen, damit ein Buch erscheinen kann.

Ganz anders sieht es mit Mahmud Doulatabadis Roman »Der Colonel« aus. Er ist ein literarisches Pulverfaß! Ein Roman, der so gut wie kein Tabuthema auslässt, eine schonungslose Generalabrechnung mit dem herrschenden Regime, aber nicht nur mit dem. Auch dessen Vorgänger und die jeweiligen politischen und gesellschaftlichen Machtcliquen bekommen die (literarischen) Leviten gelesen. Da ist es mit zwei, drei Kürzungen nicht getan. Kein Wunder, dass das Buch nie in Iran erscheinen wird. Dass »Der Colonel« als Welt-Erstveröffentlichung in einer kongenialen Übersetzung und einem sehr aufschlussreichen Nachwort von Bahman Nirumand in Deutsch erschien, ist dem Zürcher Unionsverlag zu verdanken, dessen Hausautor Doulatabadi schon seit Jahren ist.

In einer düsteren regnerischen Nacht klopft es an die Tür des aus der iranischen Armee ausgeschlossenen Colonels. Zwei Geheimpolizisten führen ihn ab zur Staatsanwaltschaft, wo ihm mitgeteilt wird, dass eine seiner Töchter getötet worden sei. Er soll, besser gesagt, darf sie selber begraben, doch die ganze Angelegenheit muss bis zum Morgengrauen erledigt sein. Die folgenden Stunden, in denen der Colonel mit einer beim verhassten Schwiegersohn geliehenen Schaufel durch die nächtliche Stadt »geistert« und mit Mühen die ungewaschene Leiche seiner Tochter beerdigt, bilden den Zeitrahmen und die Handlung des Romans. Doch zugleich wird darin die Geschichte Irans und seiner Bevölkerung in den letzten Jahrzehnten kritisch reflektiert, fast schon seziert.

Der 69-jährige Doulatabadi weiß, worüber er schreibt. Er gilt zwar als der bekannteste zeitgenössische Autor Irans. Doch machte er auch seine einschlägigen Erfahrungen in den 1970er Jahren, als er während des Schah-Regimes als politischer Häftling für zwei Jahre inhaftiert war. Psychoterror und Folter sind ihm nicht fremd. Und dennoch blieb der Professor für Literatur an der Teheraner Universität in seinem Land, dessen Entwicklung und Schicksal aus nächster Nähe und mit emotionaler Aufwühlung er beobachtet. Die Arbeit an diesem Buch begann Doulatabadi schon vor 25 Jahren. Doch erst im letzten Jahr, nach vielen Überarbeitungen und Phasen des Ruhenlassens, hielt er das Manuskript für reif genug für eine Veröffentlichung – vergebens.

In einem trockenen Aufsatz über die gesellschaftliche Entwicklung in Iran nach der Revolution von 1979 würden die nüchternen Begriffe »Traditionsbrüche«, »Wertekonflikte« und »Fragmentierung der Gesellschaft« mit Sicherheit auftauchen. Wenn ein literarischer Meister der Worte wie Doulatabadi an die Sache geht, ergeben sich daraus Figuren, die mit ihrem Schicksal und ihrer Tragik, mit ihren politischen Überzeugungen diese alptraumhaften Umbrüche in der iranischen Gesellschaft widerspiegeln.

Der Colonel selbst steht für die patriotische Offiziersclique der Schah-Armee, ist aber ein unter der Last der Geschichte längst gebrochener Mann, der sich nicht einmal davor scheut, öffentlich seine eigenen Kinder zu denunzieren. Die 14-jährige Tochter Parwaneh, eine Sympathisantin der Volksmudschaheddin, wird wegen Agitation hingerichtet. Mohamed Taghi, der zweitälteste Sohn, fällt während des Aufstandes der Volksfedadschin, deren Mitglied er ist.

Der jüngste Sohn Masud ist ein Anhänger von Khomeini und zieht freiwillig in den iranisch-irakischen Krieg. Nach seinem Tod wird er als Märtyrer gefeiert. Die ältere Tochter Farzaeh ist mit Ghorbani, einem brutalen Anhänger des Regimes, verheiratet, der sie drangsaliert und ihrer Familie nur Leid bringt. Der älteste Sohn Amir, ein kommunistischer Linksintellektueller, lebt seit einiger Zeit im Keller des Hauses, ein verängstigtes Niemand, zerbrochen von der Folter und der familieninternen Tragödie, musste er doch mit ansehen, wie der Colonel-Vater seine Frau erdolcht, weil sie oft mit anderen Männern bis in die Nacht ausging und betrunken nach Hause kam.

Der Leser hat das Gefühl, einem finsteren, surrealen Schauspiel über Gewalt, Wahnsinn und Tod beizuwohnen, dessen Schrecken von Seite zu Seite mehr zunimmt. Der häufige, oft abrupte Wechsel von Erzählzeiten, Sprechern und Perspektiven ist zwar ein nicht immer leicht zu erfassender Erzählstrom, spiegelt aber die zunehmenden Wahnvorstellungen und Halluzinationen des Colonels wider. Erst gegen Ende des Buches erkennt der Leser das Gesamtbild der Tragödie in seiner vollen Tragweite.

Doulatabadi hat ein ungemein eindringliches, von erschütternder Intensität und düsteren Bildern geprägtes Buch vorgelegt, das nicht nur mit seinem Thema, sondern auch mit seiner literarischen Qualität sicher zu den wichtigsten Neuerscheinungen dieses Jahres zählt.

Nevfel Cumart

Mahmud Doulatabadi: Der Colonel. Unionsverlag Zürich, 2009. 223 Seiten.

 


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