Marina Lewycka: »Die Werte der modernen Welt unter Berücksichtigung diverser Kleintiere«

 

Bergarbeiter sind die Hebammen des Sozialismus!

Ein Roman voller Klamauk, Konflikt und Kuriosität

Manche Schriftsteller-Karrieren starten spät, zünden dann aber wie eine Rakete, um ein demonstrativ plakatives Bild zu benutzen. So geschah es bei Marina Lewycka, die bis dato an der Sheffield Hallam University im Bereich Medienwissenschaft unterrichtet: Sie veröffentlichte mit knapp 60 Jahren ihren fulminanten Debütroman »Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch«, der die Bestsellerlisten stürmte und innerhalb kurzer Zeit in fast drei Dutzend Sprachen übersetzt wurde. Die Überraschung gelang ihr im Jahre 2005 und bescherte uns mit der ukrainisch-britischen Immigrantenburleske eine angenehme Abwechslung inmitten der unseligen Vampir-und-Fantasy-Fortsetzungsromane der Twilight-Saga um Edward, Bella und Co.

Dass ihr bislang vierter Roman »Die Werte der modernen Welt unter Berücksichtigung diverser Kleintiere« auch zu einem Bestseller avancieren wird, ist keine allzu waghalsige Prognose. Denn die als ukrainisches Flüchtlingskind 1946 in Kiel geborene und später in England aufgewachsene Lewycka beherrscht die richtige Dosierung von Klamauk, Konflikt und Kuriosität. Dabei vergisst sie aber eines nicht: Kritik. Nicht umsonst tituliert die britische Presse sie auch als »politische Autorin« und nicht umsonst wurde sie mit ihrem zweiten Roman »Caravan« in 2007 für den Georg-Orwell-Preis nominiert, immerhin der wohl renommierteste Literaturpreis für politisches Schreiben im angelsächsischen Sprachraum.

In »Die Werte der modernen Welt unter Berücksichtigung diverser Kleintiere« richtet sich die Kritik in erster Linie gegen die von unersättlicher Gier geprägten Banker in der Londoner City und der sozialen Ungleichheit im britischen Lande. Diese Misere zeigt Lewycka vordergründig an einer ehemaligen Hippie-Familie auf, die ab dem Ende der 1960er Jahre in einer Landkommune im südlichen Yorkshire mit Gleichgesinnten lebte und heute ihren Platz in der Welt sucht. Da sind zunächst Doro und Marcus, das alternde Hippie-Paar, das sich nach über vierzig Jahren freier Liebe und Opposition gegen den kapitalistischen Mainstream entschließt, zu heiraten. Sie träumen von einem großen Fest und wollen alle Wegbegleiter aus der Kommune zusammentrommeln.

Diese spontane Ankündigung trifft die beiden erwachsenen Kinder auf dem falschen Fuß, denn sie haben reichlich eigene Sorgen. Tochter Clara arbeitet als Lehrerin an einer Schule im sozialen Brennpunkt von Doncaster und versucht vergeblich, wenn schon nicht die ganze Welt so doch wenigstens einige unterprivilegierte Kids zu retten. Ganz anders ihr Bruder Serge. Das Mathegenie hat in Cambridge studiert und promoviert »offiziell«. Doch in Wirklichkeit arbeitet er als quantitativer Analyst bei »Finance and Trading Consolidated Alliance«. Anders gesagt: Mit seinen Algorithmen, Fibonacci-Folgen und Gauß-Kurven mischt Serge gewaltig mit im Haifischbecken der Investmentbanker. Und da er von einem Haus mit Pool in Brasilien träumt, ebenso von ungezügelter Liebe zu seiner atemberaubend hübschen Kollegin Maroushka und da er nicht so verdammt lange warten möchte, macht er illegale Geschäfte auf eigene Kosten. Blöd nur, dass wir das Jahr 2008 schreiben und mit dem Kollaps von Lehman Brothers die größte Finanzkrise der Neuzeit ihren Lauf nimmt und Serge das von der Bank »geliehene« Geld verpulvert.

Marina Lewycka erzählt ihre Geschichte mit drei Handlungssträngen und lässt abwechselnd Sohn Serge, Tochter Clara und Mutter Doro zu Worte kommen. Manchmal drohen ihr die Stränge aus der Hand zu entgleiten. Während Doro in alten Erinnerungen schwelgt, rechnet sie insgeheim mit der Generation der Alt-68er ab. Clara verbannt hingegen jedes nostalgische Gefühl für Linsenpampe, Baumwollkaftane, Marxismus und die »Gemüsehaftigkeit von Gemüse« aus ihrem Leben und bemerkt dabei ihre Unzufriedenheit nicht. Und in Serges Lebensweise kollidiert die Vergangenheit mit der Gegenwart und führt zu einem Showdown, in dem alle maßgeblich Beteiligten nicht ohne Blessuren davon kommen.

Man sollte sich von dem an sozialistische Plakatkunst erinnernden Coverdesign keineswegs irritieren lassen. Neben all dem ironischen Klamauk und Komödienhaften hat uns Marina Lewycka auch einiges mit Tiefgang zu bieten. Allein schon wegen des Zynismus der Banker, Trader und »Fraktal-Freaks«, an dem sie uns aus der Erzählperspektive von Serge teilhaben lässt, wegen der legalen Betrügereien mit Asset-Back Securities, Derivaten und Hedgefonds und der Unfähigkeit der politisch Verantwortlichen lohnt sich die Lektüre dieses Romans!

Nevfel Cumart

Marina Lewycka: Die Werte der modernen Welt unter Berücksichtigung diverser Kleintiere. Roman. Deutscher Taschenbuch Verlag; München. 460 Seiten.

 


Powered by Wordpress |