Matt Beynon Rees: »Der Verräter von Bethlehem«

 

Auf der Suche nach Gerechtigkeit

Matt Beynon Rees’ Krimi mit Schauplatz Palästina

Wer etwas von den Palästinensern und den palästinensischen Gebieten hört, denkt mit Sicherheit zunächst an Flüchtlingslager und Elend, an die Intifada und Hamas, an Anschläge und einen viel beschworenen Frieden, der in utopischer Ferne zu sein scheint. Aber bestimmt nicht an einen Kriminalroman!

Genau den hat sich Matt Beynon Rees vorgenommen: Den ersten Krimi, dessen palästinensischer Ermittler vor Ort agiert. Eine interessante Idee, die in der Kreation einer liebenswürdig Figur mündet, der die Welt der Kriminalliteratur von nun an bereichern wird: Omar Jussuf, seines Zeichens Geschichtslehrer an einer Mädchenschule der UNO, der trotz aller traumatischen Erlebnisse seines Volkes an humanistischen Idealen festhält und der den Jugendlichen genügend Verstand vermitteln will, damit sie nicht in blinde Wut gegen Israelis und dem fragwürdigen Märtyrerkult radikaler Palästinenser verfallen.

Omar Jussuf ist nicht prädestiniert dafür, ein Krimiheld zu sein: Er ist nicht nur ein belesener und besonnener Feingeist mit hehren Träumen, ihn plagen auch körperliche Gebrechen und selbst das Treppensteigen ist eine Zumutung für ihn. In seinen ersten Fall schlittert Omar Jussuf eher ungewollt hinein, denn es geht um seinen ehemaligen Schüler George Saba.

Der erst kürzlich aus Südamerika zurückgekehrte Christ soll ein Mitglied der Märtyrerbrigaden an die Israelis verraten haben: Der junge Abdel Rahman wurde im Schutze der Nacht hinterrücks erschossen. Aber wer hat Interesse an dem Tod des jungen Mannes? Waren es israelische Scharfschützen, die ihn mit Hilfe eines Kollaborateurs niedergestreckt haben? Und was hat George Saba für einen Nutzen von diesem Mord?

Als nur wenige Tage nach dem Tod von Abdel Rahman auch noch dessen junge Witwe Dima geschändet und ermordet und George Saba in einem Schauprozess ohne Beweise zum Tod verurteilt wird, beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit: Jussuf bleiben nur wenige Tage bis zur Bestätigung des Urteils durch den Präsidenten um die Hintergründe der beiden Morde zu klären.

Rees leitete viele Jahre lang das Büro der New Yorker »Times« in Jerusalem und kennt die Verhältnisse vor Ort sehr gut. Geschickt mischt er in seinem Romandebüt die realen Fakten mit literarischen Elementen zu einem überzeugenden Krimi. Er hat einen überaus sympathischen Serienhelden geschaffen, bleibt dem klassischen »Who-done-it« fern und folgt auch nicht dem Muster des amerikanischen »hard-boiled«-Krimis.

Vielmehr benutzt Rees die Gattung des Kriminalromans, um auf literarisch hohem Niveau auch Gesellschafts- und Sozialkritik an Palästinensern ebenso wie Israelis zu üben. Dabei legt er eine akribische Beobachtungsgabe an den Tag. Ein Autor, den es zu entdecken gilt. Und ein Roman, der mehr über den Nahost-Konflikt erzählt als ein Sachbuch.

Nevfel Cumart

Matt Beynon Rees: Der Verräter von Bethlehem. Roman. C. H. Beck Verlag, 2008. 327 Seiten.

 


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