Nadifa Mohamed: »Garten der verlorenen Seelen«

 

Die Sonne in einem Brunnen löschen

Eine packende Überlebensgeschichte dreier Frauen in Somalia

Was soll man über Somalia schreiben? Unbeschreibliche Armut, Naturkatastrophen, anhaltende Bürgerkriege, schiere Not und spektakuläre Piratenüberfälle vor der Küste kommen einem in den Sinn. Viel Gutes gibt es nicht zu berichten über dieses Land am Horn von Afrika, das seit seiner Unabhängigkeit 1960 mehr oder weniger zersplittert ist, seit mehr als 20 Jahren keine funktionierende Zentralregierung aufweist und nur in einer Kategorie weltweit den ersten Platz belegt: Korruption. Sicher scheint in Somalia gar nichts zu sein. Auch die Einwohnerzahl nicht, die niemandem bekannt ist und irgendwo zwischen sieben und zwölf Millionen Menschen schwankt. Diesen »gescheiterten Staat« als Schauplatz eines Romans zu wählen, ist mehr als gewagt.

Nicht für die junge Autorin Nadifa Mohamed, die 1981 in Hargeisa im Norden Somalias geboren wurde. Mit fünf Jahren floh sie mit ihren Eltern vor dem drohenden Bürgerkrieg ins britische Exil nach London und studierte in Oxford Geschichte und Politik. »Der Garten der verlorenen Seelen« ist nicht das erste Buch, in dem sie ihr Geburtsland als Setting verwendet. Bereits mit ihrem Erstlingsroman »Black Mamba Boy« (2010) tauchte sie literarisch in die Geschichte Somalias ein. Und in die eigene Familiengeschichte. Denn in dem Debüt, das Mohamed viel Lob und den Betty Trask Award bescherte, erzählt sie die Kindheit ihres Vaters in den 1930er Jahren zur Zeit von Mussolinis Herrschaft in Somalia.

Wurde »Black Mamba Boy« von der Literaturkritik zumeist als eine odysseehafte Vater-Sohn-Geschichte gewürdigt, so könnte man Mohameds neuen Roman als eine Mutter-Tochter-Geschichte bezeichnen. Allerdings in dreifacher Hinsicht. Denn Mohamed erzählt die Überlebensgeschichte dreier Frauen in dem von Bürgerkrieg zerrütteten Land in den Jahren 1987 und 1988. Diese sind in der Reihenfolge ihres Auftretens: Die ältere Witwe Kawsar, deren Tochter Selbstmord begeht, die junge Soldatin Filsan, deren Muter sie und den Vater verlassen hat und das neunjährige Waisenmädchen Deqo, das seine Mutter gar nicht kennt.

Mohamed führt diese drei unterschiedlichen Figuren aus drei Generationen geschickt am Anfang des Buches zusammen: In Hargeisa wird kurz vor Ausbruch des Bürgerkriegs eine Jubelfeier für den Diktator Siad Barre »inszeniert«. Auf dieser Feier soll die kleine Deqo mit anderen Kindern zusammen tanzen, doch vor Aufregung ist sie wie gelähmt. Von den Frauen der Guddi-Ordnungsmiliz wird die Kleine zur Strafe für das Versagen verprügelt. Die Witwe Kawsar, die mit ihren Freundinnen dazu verdonnert wurde, die Zuschauer-Kulisse zu bilden, stellt sich schützend vor das Kind. Kawsar wird verhaftet und im Polizeigebäude von der Soldatin Filsan so brutal geschlagen, dass ihre Hüfte bricht. Nach diesem von Gewalt geprägten ersten Teil trennt das Leben die drei Protagonistinnen wieder.

Kawsar ist an das Bett gefesselt, wird von der störrischen Dienstmagd Nurto mehr recht als schlecht betreut, lebt in ihren Erinnerungen und weigert sich, mit den Nachbarn die Flucht zu ergreifen. Die ehrgeizige Filsan, die unter einem strengen Offiziersvater gelitten hatte und von der sozialistischen Idee der Militärjunta überzeugt ist, muss erkennen, dass sie unter den bestehenden Machtverhältnissen beim Militär zumeist als Lustobjekt betrachtet wird. Als ihr Soldatenfreund bei einer Razzia umgebracht wird, desertiert sie kurzerhand. Und Deqo will nicht ins Flüchtlingslager zurück. Durch den beherzten Einsatz von Kawsar gelingt ihr die Flucht aus dem Polizeigebäude. Sie lebt künftig auf der Straße, schläft in einer rostigen Tonne in der Nacht und findet für kurze Zeit Unterschlupf bei der Prostituierten Nasra, bis sie wieder um ihr Leben kämpfen muss. Das Schicksal führt die drei Frauen auf Umwegen wieder zusammen und lässt sie als Trio eine Flucht antreten.

Nadifa Mohamed gehört zu den 20 besten jungen britischen Erzählern, die jährlich von der hoch angesehenen Literaturzeitschrift »Granta« gekürt werden. »Der Garten der verlorenen Seelen« belegt eindrucksvoll, warum sie zu den besten ihrer Generation gehört. Sie hat ein scharfes Auge für Details und zeigt viel Empathie für ihre Figuren, deren Innenleben mit Respekt ausleuchtet. Und was überaus bemerkenswert ist: Mohamed gelingt das Kunststück, das dramatische und von Gewalt und Terror geprägte Alltagsleben der Somalier in eine zugleich betörende wie verstörende poetische Sprache zu verwandeln. Eines von unzähligen Beispielen: »die Soldaten werden die Straße in eine Wüste zurückverwandeln, die Sterne ausknipsen, die Hunde erschießen und die Sonne in einem Brunnen löschen.«

Versierte Leser werden vielleicht mit dem versöhnlichen Happy-End hadern. Warum in Gottes Namen, könnten sie sich fragen, riskiert diese kluge Erzählerin die 260 fesselnden Seiten voller realistischer und poetischer Prosa auf den letzten zehn Seiten? Eine Antwort wird sicher nur Mohamed selbst wissen. Außenstehende können nur spekulieren. Vielleicht verlangte es die poetische Gerechtigkeit, dass diese drei Frauen auf diese Weise überleben. Vielleicht hat Mohamed auch an eine Verfilmung gedacht, in dem die dramatische Abschlussszene durch den Wüstensand gut zur Geltung kommt. Egal. Das Ende kann den Lesegenuss dieses Romans nicht trüben!

Nevfel Cumart

Nadifa Mohamed: Der Garten der verlorenen Seelen. Roman. Verlag C. H. Beck, München 2014. 270 Seiten.

 


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