Najat El Hachmi: »Der letzte Patriarch«

 

Vom Untergang und von der Befreiung

Najat El Hachmis Familiendrama geht unter die Haut

Najat El Hachmi ist eine recht junge Stimme in der katalanischen Literaturlandschaft. Die 1979 in Marokko geborene Autorin wuchs seit ihrem achten Lebensjahr in Katalonien auf und sorgte erstmals 2004 mit dem vieldiskutierten Essay »Auch ich bin Katalanin« für Aufsehen. Für ihren 2008 auf Katalanisch verfaßten Debütroman »Der letzte Patriarch« erhielt sie für viele Beobachter überraschend den »Premi Ramon Llull«, den wichtigsten und höchstdotierten Literaturpreis Kataloniens. Das ist sicher nicht der einzige Grund, sich diesem Roman zu widmen, der mittlerweile in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde.

Der Titel lässt es vermuten: Ein Patriarch ist zugange und wenn er herrscht, wird es für die anderen in der Familie alles andere als ein Zuckerschlecken. Und in der Tat: Mimoun Driouch, erstgeborener und lang erwarteter Sohn einer marokkanischen Familie in der abgelegenen Provinz, von allen geliebt und gehätschelt und von den Frauen umsorgt, mutiert zum archaischen, gewalttätigen Oberhaupt der Familie. Doch bis dahin ist es ein langer Weg.

Und der beginnt mit einem »Mord« im Kindesalter: Um die Aufmerksamkeit von Mutter und Schwestern nicht zu verlieren, erstickt Mimoun kurzerhand den neugeborenen Bruder mit einem Kissen. Mit gut inszenierten Wutanfällen avanciert dieser »Elvis aus der marokkanischen Provinz« später zum jugendlichen Rädelsführer in seinem Dorf, mit dem auch Vater und Onkel nicht fertig werden. Er schikaniert und schlägt die Frauen in der Familie, wenn sie seinem überzogenen Ehrbegriff nicht folgen. Denn für sein schwarz-weiß-Denken waren Frauen, »die ihre Ehre nicht bewahrten, nichts weiter als das: Höhlen in die man eindrang, um seinen Druck abzulassen«. Drastischer läßt es sich nicht ausdrücken. Wen wundert es, dass Mimoun das tugendhafteste Mädchen aus dem Dorf heiratet. Vor seiner Schikane ist sie aber nicht sicher, ebenso wenig wie die Kinder. Mimoun geht bald auf Arbeitssuche nach Katalonien, holt später die mittlerweile »gezähmte« Familie nach, amüsiert sich trotzdem weiterhin mit spanischen Frauen, während er daheim zusehends despotischer wird. Jede Handlung von Frau und Tochter wird mit Argusaugen beobachtet, Schläge gehören zum Alltag, Messer fliegen nur knapp am Auge vorbei.

So drastisch wird die Geschichte Mimouns und die Demütigung seiner Familie geschildert. Die Ich-Erzählerin ist die namenlose Tochter des »Patriarchen«, die im Rückblick einen Bogen über zwei Generationen schlägt – von der Geburt des Vaters im abgeschiedenen Dorf bis zum Beginn ihres Studiums in der spanischen Stadt. Auch wenn der cholerische Vater lange im Vordergrund steht, erzählt die Tochter gleichzeitig auch ihre eigene Geschichte: Denn ihr gelingt allmählich eine Befreiung aus dem Joch patriarchalischer Unmündigkeit. Sie trotzt mit Erfolg (und vielen Lügen) der Unabänderlichkeit der Zustände und der Dinge, wie sie der Vater fatalistisch beschwört, um seine Macht zu erhalten. Diese Befreiung gipfelt auf den letzten Seiten des Buches in einer Rache am Vater und seinen selbstherrlichen Konventionen, die mehr als pikant und zugleich schrecklich ist.

Dass man »Der letzte Patriarch« trotz des unsympathischen Protagonisten nicht aus der Hand legen mag, ist der virtuosen, mit Nüchternheit ebenso wie mit ironischen Spitzen durchsetzten Erzählweise El Hachmis geschuldet – und dem inneren Wunsch, den Patriarchen irgendwann am Boden zu sehen. Ein lesenswertes Buch, das unter die Haut geht, das von männlicher Macht und Gewalt in der Familie genauso erzählt wie vom Schmerz und kultureller Entwurzelung in der Fremde. Und ein Debütroman, der eindrücklich belegt, dass gute Literatur auch von den Nachkommen maghrebinischer Migranten kommen kann.

Nevfel Cumart

Najat El Hachmi: Der letzte Patriarch. Roman. Wagenbach Verlag, Berlin, 2011, 350 Seiten.

 


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