Oya Baydar: »Verlorene Worte«

 

Die Berge stehen in Flammen

Oya Baydars geschichtenpraller Roman über den Ost-West-Konflikt in der Türkei

Wer über das Werk der 1940 geborenen Oya Baydar recherchiert, sieht sich überrascht: In den meisten türkischsprachigen Anthologien wird sie als Autorin nicht erwähnt. Kaum nachvollziehbar, zumal sie für einige ihrer Romane mit angesehenen Literaturpreisen in der Türkei ausgezeichnet wurde. Wer sich mit Oya Baydars Biographie beschäftigt, wird als Grund für diese Ausgrenzung ihre dezidiert linke und sozialistische Gesinnung vermuten.

Bereits als Studentin wand sie sich der sozialistischen Bewegung zu, war Mitgründerin der »Sozialistischen Arbeiterpartei der Türkei«, wurde zwei Mal inhaftiert und musste nach dem Militärputsch 1980 als politische Asylantin ins deutsche Exil gehen, wo sie bis zu einer Amnestie 1992 in Frankfurt lebte. Heute engagiert sich die Alt-68erin in der »Türkischen Friedensinitiative«, einer NGO, die sich für einen Ausgleich mit den Kurden einsetzt. Und die sind es auch, die in ihrem Roman »Verlorene Worte« eine große Rolle spielen.

Im Mittelpunkt des Romans steht der Bestseller-Autor Ömer Eren, der unter einer Schreibblockade leidet. Der »Geburtshelfer der Worte« findet keine mehr, fühlt sich leer, hat sich von seiner Frau entfremdet und sucht immer öfter Trost im Alkohol. Eines Abends wird er Zeuge, wie am Busbahnhof in Ankara ein Querschläger eine junge schwangere Frau trifft.
Ömer hilft ihr und ihrem Freund, begleitet sie ins Krankenhaus und erfährt, dass das junge kurdische Paar auf der Flucht ist. Die schwangere Zelal flieht vor dem Ehrenmord ihres Clans, Mahmut vor der PKK, für die er als ehemaliger Kämpfer nun ein Abtrünniger ist. Kurz darauf macht sich Ömer per Bus auf in den tiefen Osten der Türkei, in die Heimat der beiden Kurden, um mehr über ihr Leben zu erfahren.

Zeitgleich bricht Ömers Ehefrau Elif, eine erfolgreiche Biochemikerin, auf nach Norwegen, um an einem Kongress teilzunehmen. Für sie ist diese Reise auch der Versuch, den »verlorenen« Sohn Deniz wiederzufinden, der sich als ein »Lebensdeserteur« in ein kleines Dorf zurückgezogen hat.
Deniz ist als Kriegsfotograf im Irak am Beruf und nach einem Bombenanschlag, bei dem seine norwegische Frau umkam, am Leben gescheitert. Aber auch in die norwegische Dorfidylle findet Gewalt ihren Weg, als Neonazis das Gasthaus in Brand stecken, in dem seine Mutter absteigt.

Mit einer geschickten Komposition verwebt Oya Baydar mehrere Erzählstränge miteinander, wechselt ständig die Erzählperspektive und nutzt den Konflikt in der zerbrochenen Familie, die Sprachlosigkeit und Spaltung, als Metapher für den seit langem schwelenden Ost-West-Konflikt in der Türkei. Dabei räumt sie dem Schicksal des drangsalierten kurdischen Volkes mit teilweise poetischer Anmut sehr viel Raum ein.

Zugegeben: Es hätten auch etwas weniger Konflikt und Drama gereicht und an manchen Stellen hätte etwas weniger Pathos in der Erzählsprache sicher die gleiche Wirkung erzielt. Aber dieses kleine Manko kann dem Roman lediglich ein wenig schaden, seine gesellschaftspolitische Brisanz, seine Eindringlichkeit und sein Appell gegen Gewalt kann es nicht mindern. Wenn alle derzeit angekündigten Übersetzungen aus der Türkei, dem Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse, solch ein Kaliber haben, verspricht es ein aufregender Literaturherbst zu werden.

Nevfel Cumart

Oya Baydar: Verlorene Worte. Roman. Claassen Verlag, 2008. 455 Seiten.

 


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