Saphia Azzeddine: »Zorngebete«

 

Am Arsch der Welt

Eine drastische Geschichte vom Hirtenmädchen zur Hure

Die Ansage ist kurz und klar: »Sie brauchen gar nicht ›bäh!‹ zu sagen. Ich werde keine Poesie hineinlegen, wo keine ist.« Und in dem Auftakt des Romans liegt wahrlich keine Poesie: Jbara ist sechzehn Jahre alt und wird gevögelt. Von hinten. Von dem Hirten Milioud. Er stinkt. Weil Jbara aber auch stinkt, hebt sich das am Ende auf. Milioud grunzt wie ein Schwein und vögelt »wie ein Kamel, mit schwitzenden Eiern«. Das Elend stinkt nach Arsch. »Und Milouds Arsch hat nie Wasser gesehen«. In einer schmutzigen Plastiktüte lässt Miloud jedes Mal einen Granatapfeljoghurt und einige Schokoladenkekse für Jbara zurück. Für sie »das Maximum an Genuss«.

Jbara Ait Goumbra lebt mit ihren Eltern und sieben Geschwistern in einem Ziegenlederzelt »am Arsch der Welt«, weniger drastisch: in einem abgelegenen marokkanischen Dorf namens Tafafilt. Die einzige Verbindung zur Welt ist ein Bus, der zweimal in der Woche am Dorf vorbei fährt. Inmitten der Einöde sind die Schafe, die Jbara hütet, alles was sie hat. Sie liebt diese Schafe. Das ist es auch schon. Alles andere ist weniger liebenswert. Zum Beispiel der tyrannische Vater: »Einmal habe ich in seiner Gegenwart nur gesagt, dass es zu heiß wäre und wie lästig das sei, da hat er mir gleich eine runtergehauen. Nach seiner Idiotenlogik war das Gotteslästerung, weil es Allah ist, der das Wetter macht«.

Ständig hört der Vater auf die Worte des »fkih«, dem Geistlichen in der benachbarten Siedlung, dem »größten Idioten des Dorfes«. Der auf »Kosten der Armen und Unwissenden« lebt. Der ständig predigt, dass die größte aller Sünden für junge Frauen darin bestehe, keine Jungfrau mehr zu sein. Pech für Jbara, dass Miloud sie schwängert. Der Vater verstößt sie und jagt sie aus dem Dorf. Glück für Jbara, dass aus einem vorbeifahrenden Bus ein rosaroter Rollenkoffer mit dem Aufdruck »J’taime d’Dior« herunterfällt. Darin ein Bündel Geld und eine Ausstattung an gewagter Unterwäsche, die dem schönen Hirtenmädchen die Zukunft weisen wird.

Sie bricht auf in die Stadt und arbeitet zunächst als Küchenhilfe. Sie bezahlt mit abendlichen Blowjobs für ein kleines Zimmer über dem versifften Restaurant. Ihr Kind gebärt sie im Straßenstaub und lässt es zurück. Ein Schmerz und Elend »bis zum Gehtnichtmehr«. Danach der nächste Job. Ein kleiner Aufstieg als Hausmädchen in einer reichen Familie.

Dort wird sie vom Hausherrn, dem Sidi, regelmäßig vergewaltigt. »Ich weiß nicht, was ich machen soll, weinen ist so altmodisch«. Doch Jbara zerbricht auch hier nicht, bewahrt ihre innere Freiheit. Und als der Sidi aus einer Laune heraus ihr die eigene Lust vor Augen führt, trifft sie eine Entscheidung: Sie wird eine Prostituierte, tanzt in einem edlen Nachtclub, verdient so viel, dass sie ihren Vater gnädig stimmt mit einem Fernseher, vor dem die arme Sippe eintönige Stunden verbringt. Das Ziegenlederzelt bekommt eine Satellitenschüssel, während aus Jbara die schöne »Scheherazade« wird, die Gespielin eines reichen Scheichs, der seine sexuellen Gelüste und Perversionen an ihr austobt. Ein hoher Preis.

Und er steigt: Bei einer Razzia in der noblen Villa des Scheichs wird sie erwischt und kommt für drei Jahre wegen Prostitution ins Gefängnis. Wieder Elend, der sie umgibt. Und Streitereien mit anderen Frauen, bei denen sie zwei Zähne verliert. Nach dem zermürbenden Gefängnis weist das Schicksal Jbara einen Weg, um der Armut auf der Straße zu entfliehen. Sie wird als »Khadija« die dritte Frau ausgerechnet eines Imams.

Während all dieser Zeit hat Jbara einen Vertrauten: Allah. Zu ihm spricht sie ständig, zu ihm betet sie manchmal. Manchmal klagt sie auch. Mal ist sie wütend, mal dankbar. Oft aufgebracht. Doch niemals macht sie ihn schuldig für ihr Schicksal. Manchmal fragt sie ihn auch und bettelt um Verständnis: »Kann man seinem Schicksal entgehen? Hat ein Mädchen wie ich überhaupt ein Schicksal? Kannst Du mir im Ernst zum Vorwurf machen, dass ich ein Dach überm Kopf der Straße vorgezogen habe, ein bisschen Wärme der Kälte und ein Bett dem Bordstein?«

Wer solch ein drastisches Buch in solch zorniger Sprache schreibt, tut gut daran, sich vom literarischen Ich zu distanzieren. Die 1979 in Agadir geborene Saphia Azzeddine betont in Interviews, selbst »behütet« aufgewachsen zu sein. Mit neun Jahren kam sie mit ihrer Familie nach Frankreich, wo sie später Soziologie studierte. Bekannt war sie in erster Linie als Schauspielerin und Drehbuchautorin gewesen bevor sie mit »Zorngebete« in 2008 ihr Romandebüt vorlegte. Mittlerweile folgten drei weitere Romane der attraktiven Autorin, die von Kritikern und Fans als »moderne Scheherazade« bezeichnet wird. In Deutschland wurde man zunächst 2011 als Regisseurin auf sie aufmerksam, als sie ihren zweiten Roman »Mein Vater ist Putzfrau« verfilmte.

Mit »Zorngebete« ist Azzeddine eine sehr eigenwillige Emanzipationsgeschichte aus der Welt jenseits des Schleiers gelungen. Jbaras verstörende Direktheit, ihre stellenweise vulgäre Sprache, die Tabubrüche, mit denen sie mit Allah ins Gericht geht, täuschen nicht darüber hinweg, dass diese eigenwillige junge Frau ohne Larmoyanz Entscheidungen trifft. Und die Konsequenzen daraus trägt. Bis sie schließlich ihren inneren Frieden findet.

Nevfel Cumart

Saphia Azzeddine: Zorngebete. Roman. Wagenbach Verlag, Berlin. 121 Seiten.

 


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