Mariam Kühsel-Hussaini: »Der Gott im Reisfeld«

 

Sehnsüchtige Erinnerung

Mariam Kühsel-Hussainis anrührende Afghanistan-Hommage

Keine Frage: Afghanistan ist immer noch ein kriegszerrütteltes Land, in dem sich die wenigsten an Zeiten des Friedens erinnern können. Ein zum großen Teil unwirtliches Land in dem mehr tödliche Minen liegen als irgendwo sonst auf der Welt. Ein von Leid geplagtes Land, in dem die Kommunisten putschten, in dem die Taliban ihr despotisches Regime ausübten, in dem heute al-Qaida neues Territorium absteckt, Warlords, Provinzgouverneure und auch die Regierung um ihren Anteil an der Macht kämpfen.

Und doch ist Afghanistan auch ein Land, dass heute noch Menschen bezaubern und sogar begeistern kann. Und sei es nur im sehnsuchtsvollen Rückblick auf eine vergangene Epoche, so wie es Mariam Kühsel-Hussaini mit ihrem Roman-Debüt ihren Lesern vermittelt. Kühsel-Hussaini, 1987 in Kabul geboren, ist die Enkelin des Kalligraphen Sayed Da’ud Hussaini, dessen Stammbaum bis auf den Propheten Muhammed zurückzuführen ist.

Dieser Großmeister der Kalligraphiekunst steht mit seiner Familie in der ersten Hälfte des Buches im Mittelpunkt des Romans, dessen Kapitel mit Gedichtzitaten aus der Feder des Sohnes Rafat überschrieben sind. Es ist insbesondere dieser Sohn, der gemeinsam mit dem hoch verehrten Vater dem Berliner Kunsthistoriker Jakob Benta das Leben, Denken und Fühlen im afghanischen Orient näher bringt. Benta ist auf der Suche nach Spuren eines verstorbenen Freundes nach Afghanistan gereist und bei der Familie des Kalligraphen als Gast aufgenommen worden. Sein Befremden über diese so fremde Welt weicht im Laufe Erlebnisse und tiefsinnigen Gespräche über die Künste der Faszination über „das leidenschaftliche Vermögen und den poetischen Besitz der entgegengesetzten Welt“.

Der Untergang des Landes und mit ihm der Zerfall der Kalligraphenfamilie wird 1978 durch den Putsch der Kommunisten eingeleitet, die den Präsidenten Muhammed Da’ud Khan ermorden und das Land in Angst und Schrecken versetzen. Wer von der Familie und dem Verwandtenkreis nicht „das Glück eines natürlichen Todes“ erfährt, sucht sein Heil vor dem blutigen Terror in der Flucht. An einem „Tag ohne Trauergesänge“ flieht auch der Sohn Rafat, ein angesehner Dichter und Sekretär des afghanischen Schriftstellerverbandes, mit seiner Frau und den Kindern – und landet nach vielen Umwegen schließlich im kalten süddeutschen Neuffen.

Mariam Kühsel-Hussaini gibt aus unterschiedlichen Erzählperspektiven und mit einer zauberhaften, mit vielen orientalisch-poetischen Bildern angereicherten Sprache einen Einblick in die Lebenswelt der Afghanen ab den 1950er Jahren. Und wer gelesen hat, was der Kalligraph Sayed Da’ud und sein Dichtersohn Rafat über die Kraft der Buchstaben, über Stolz und Scham und auch über die Liebe zur Dichtkunst“ erzählen, kann annährend ermessen, wie es im Herzen der Afghanen aussieht. Es gibt ein Afghanistan jenseits der schaurigen Schlagzeilen über Gräueltaten im „brüchigen Land“ des Krieges. Und ein Afghanistan, an den nicht wenige Menschen mit Sehnsucht zurückdenken. Mariam Kühsel-Hussaini bringt uns dieses Afghanistan näher, das in den Herzen ihrer Familienangehörigen lebt. Selten hat jemand mit so wenigen Worten und so poetischer Dichte die tiefen Wunden beschrieben, die das Leben im Exil einem Menschen zufügen kann.

Nevfel Cumart

Mariam Kühsel-Hussaini: Der Gott im Reisfeld. Berlin University Press, 2010, 315 Seiten.

 


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