Shahriar Mandanipur: »Eine iranische Liebesgeschichte zensieren«

 

Eine unmögliche Liebesgeschichte

Ein guter Roman ist die beste Rache!

Eine iranische Liebesgeschichte. Drei Worte – ein Paradoxon! Denn wie soll eine Liebesgeschichte überhaupt entstehen in einem Land, in dem ein Heer von Tugendwächtern mit Argusaugen die Öffentlichkeit kontrolliert, in dem jede Begegnung der Geschlechter vor der Ehe verboten ist, in dem nicht einmal verheiratete Paare auf offener Straße eindeutige Blicke oder zärtliche Berührungen austauschen dürfen.

Und was in der Realität verboten ist, darf in der Literatur auch nicht dargestellt werden, denn es könnte ja die Menschen zu unsittlichem Verhalten verführen. Diese Bücher entweder von allem Unsittlichen zu reinigen oder sie gar nicht erst erscheinen zu lassen, ist die Aufgabe des staatlichen Zensors.

Nun könnte man eine Geschichte schreiben über die Schwierigkeiten, die man als iranischer Schriftsteller mit der Zensur hat, wenn man eine Romanze zu Papier bringen will. Zweitklassige Schriftsteller hätten das vielleicht gemacht, Shahriar Mandanipur aber nicht. Er setzt zu einem postmodernen Roman an, der in seiner Virtuosität und Vielschichtigkeit seinesgleichen sucht. Mandanipur gelingt das Kunststück, seine Geschichte in dekonstruktivistischer Manier auf verschiedenen Ebenen zu erzählen.

Zum einen haben wir die Liebesgeschichte von Sara, der junge Literaturstudentin, und Dara, dem ehemaligen Filmstudenten, der wegen vermeintlicher politischer Aktivitäten verhaftet und gefoltert wurde. Über chiffrierte Codes in Büchern aus der Bibliothek versuchen sie, zueinander zu finden. Zum anderen haben wir einen Autor namens Mandanipur, der um seine Geschichte fürchtet, die Gedanken des Zensors kennt und lieber selbst viele heikle Passagen durchstreicht. Der Leser aber kann diese fett gedruckten, durchgestrichenen Passagen lesen, ebenso wie die typographisch in Magerdruck abgesetzten Auseinandersetzungen des Autors, der sich mit dem Zensor streitet und mit viel Mühe und Einsatz seine Geschichte und das Schicksal seiner Figuren verteidigt.

Als ob dieser Perspektivenwechsel nicht reichen würde, wendet sich der Autor noch auf einer weiteren Erzählebene an den Leser selbst und belehrt ihn über Geschichte und Politik, Sitten und Gebräuche, und insbesondere die staatliche Repression seines Landes. Bei der Gelegenheit gibt er dem Leser noch Verständnishilfen für gewählte Formulierungen, um einer etwaigen Zensur zu entgehen

Bleibt noch zu erwähnen, dass sich zudem die beiden Figuren Sara und Dara bei ihrem Erschaffer namens Mandanipur über Kürzungen und Änderungen beschweren. Was sich bei der Verflechtung dieser vielen Erzählstränge so schwierig und kompliziert anhört ist auch schwierig und kompliziert! Aber überraschenderweise klappt alles wunderbar. Mandanipur jongliert zwischen den einzelnen Ebenen, läßt alles fließend ineinander übergehen und schafft als Gesamtkunstwerk mehr als eine beklemmende Satire, die den Leser in ihren Sog zieht.

Der 1957 in Schiras geborene Mandanipur ist nicht nur einer der bekanntesten Autoren Irans, er ist sicher auch der modernste. Mit Zensur kennt er sich bestens aus, zumal er neben seinen Romanen über zehn Jahre lang als Chefredakteur einer iranischen Literaturzeitschrift arbeitete, die 2009 aus politischen Gründen verboten wurde. Zur Zeit lebt der preisgekrönte Autor in den USA und arbeitet als Gastdozent in Harvard.
Zudem ist Mandanipur ein sehr belesener Mann, dessen Kenntnisse der eigenen Literaturtradition nicht nur bis zum verehrten Dichter Nizami zurückreichen, von dem er in seinem Buch reichlich zitiert, sondern der auch die abendländische Literatur bestens kennt.

Sein Roman strotzt vor intertextuellen Bezügen und nicht immer sind sie so ironisch überspitzt eingesetzt wie die Figur des unbarmherzigen Zensors, der Porfirij Petrowitsch heißt, so wie der akribische Untersuchungsrichter in Dostojewskis Roman »Schuld und Sühne«.

Als Mandanipur als junger Mann sich freiwillig zur Armee meldete und kämpfte, später auch für die Revolution kämpfte, die er ebenso wie viele andere herbeisehnte, wie hätte er damals ahnen können, welche Republik aus der Revolution hervorgehen würde? Eine Republik, die die totale Kontrolle haben will, die den Menschen die Luft zum Atmen nimmt, die Künstler schikaniert und gängelt und nicht wenige von ihnen ins Ausland treibt.

Auch wenn sein Roman nicht in seiner Heimat erscheinen darf, so darf Mandanipur dennoch triumphieren. Denn ein guter Roman ist die beste Rache! Der literarisch bewanderte Leser mag noch hinzufügen: Ein Stück Weltliteratur hat zu uns gefunden!

Nevfel Cumart

Shahriar Mandanipur: Eine iranische Liebesgeschichte zensieren. Roman. Unionsverlag, Zürich, 2011. 319 Seiten.

 


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