Sinan Antoon: »Irakische Rhapsodie«

 

Feuer auf die Buchstaben

Ein verstörender Roman über den Irak zu Zeiten Saddam Husseins

Der »Erste Golfkrieg« von 1980 bis 1988 war eine der blutigsten Auseinandersetzungen zwischen zwei Ländern in den letzten 40 Jahren. Dieser Krieg zwischen Iran und Irak kostete weit über einer Million Menschen das Leben und doch drang er kaum in den Blickpunkt der deutschen Öffentlichkeit. Mit diesem Krieg hat Sinan Antoons Roman nicht direkt etwas zu tun, wohl aber mit seinen Auswirkungen und den Zuständen im Irak während dieser Jahre.

Antoons Hauptfigur ist der Anglistik-Student Furat, der als Ich-Erzähler fungiert und gleich zum Auftakt des Romans an der Uni inhaftiert wird. Hier im Gefängnis bekommt er von einem Mitinsassen namens Achmad Papier zugesteckt. Furat zögert zunächst, bevor er sich dazu entschließt, über sein Leben während der Kriegszeit, seine Sehnsüchte und Erinnerungen der vergangenen Jahre und auch über die Zustände im Gefängnis zu schreiben. Dabei nimmt er die Allmacht der Baath-Partei Saddam Husseins, die strikten Verordnungen und Reglementierungen des Lebens durch die Partei genauso aufs Korn wie die permanente Überwachung und die Absurdität des Personenkults um den »Größten Führer aller Zeiten«.

Das wären mit wenigen Sätzen Inhalt und Rahmenhandlung des schmalen Romans. Aber Antoon macht es sich und den Lesern im Aufbau seines Romans nicht so leicht. Er schafft eine Struktur, die verschiedene Erzählebenen erlaubt, indem er am Anfang und am Ende des Romans fiktive Dokumente anführt, interne Schreiben der »Direktion für Staatssicherheit«. Die mit dem Vermerk »streng vertraulich« versehenen Dokumente beschäftigen sich mit einer handschriftlichen Aufzeichnung eines Gefängnisinsassen, deren »Durchsicht« und »Klärung« veranlaßt wird. So gelingt Antoon der literarische Trick der Rückblende. Der zweite Trick ist sprachlich subtiler und zielt auf Wortspielereien und Bedeutungsverschiebungen hin, die durch leicht abgewandelte Schreibweisen des arabischen Alphabets erfolgen und zu solchen Neuschöpfungen wie das »demordkratisch gepfählte Scharlament« führen.

Antoon hat eine poetische Ader. Immerhin wurde seine Übersetzung von Mahmoud Darwishs Gedichten im Jahre 2004 für den »PEN Translation Prize« nominiert. Diese poetische Schönheit mancher Textpassagen steht im Kontrast zu der drastisch derben Ausdrucksweise, die der Ich-Erzähler in seiner Not im Gefängnis benutzt. Die geschickte Komposition des Textes und das Verschwimmen zwischen Realität und Phantasie machen den schmalen Band zu einer verstörenden Lektüre. Zwar verzichtet Antoon bis auf eine kurze Vergewaltigungsszene auf jegliche Brutalität, aber er beschwört sehr eindringlich die psychische Belastung des irakischen Volkes. Kein Buch für einen gemütlichen Kaminabend, sondern eines, das die Leser noch eine ganze Weile verfolgt. Und das ist mehr als die meisten Bücher auf dem Markt schaffen.

Nevfel Cumart

Sinan Antoon: Irakische Rhapsodie. Lenos Verlag Basel, 2010. 133 Seiten.

 


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