Steve Stern: »Der gefrorene Rabbi«

 

Aus einem polnischen Ghetto in die Moderne

Jüdische Erzählkultur mit skurrilem Personal und viel Humor

Der 1947 in Tennessee geborene Jude Steve Stern ist alles andere als ein Anfänger. Er weiß, dass ein Romanauftakt nicht wie die Einleitung einer Magisterarbeit klingen darf. Entsprechend furios beginnt sein neues Werk, das in Memphis angesiedelt ist.

Auf der Suche nach einem Stück Leber für eine neue Masturbationstechnik entdeckt der jüdische Teenager Bernie Karp in der Tiefkühltruhe seiner Familie einen alten Mann in einem großen grünlichen Eisblock. Vom Vater Julius erfährt der geschockte Bernie, dass es sich um einen gefrorenen Rabbi handelt, eine Art »Familientradition«. Mal etwas anderes als »präparierte Haustiere im Speicher«. Dumm nur, dass bei einem nächtlichen Stromausfall der Eis-Rabbi auftaut und plötzlich vor Bernie steht.

Da Bernie ein »Couch-Potatoe« ist, vollzieht Rabbi Elieser ben Zephir seine »kulturelle Akklimatisierung auf dem Sofa im Hobbyraum« und bekommt via Fernseher einen guten Einblick in das moderne Amerika und seine Gesellschaft, deren Verderbtheit aus den unzähligen Shows ihm entgegentritt.

»Wenn sie schwingen mit biegsame Beine, diese Töchter, bei den Orgien von dem MTV, da sagen nicht ihre Väter schon dos Kaddisch für sie?«, ist nur eine der vielen Fragen, die sich der aufgetaute »Rebbe« aus dem polnischen Dorf Boibicz verwundert stellt. Erstaunlicherweise verkraftet Rabbi Elieser ben Zephir den »Kulturschock« und den Zeitsprung von über hundert Jahren gut.

Mehr noch: Ihn reizt die Hektik des modernen »American Way of Life« und setzt unternehmerischen jiddischen Tatendrang frei. Er gründet mit finanzieller Unterstützung von Julius Karp das »Haus der Erleuchtung«, in dem gestresste Amerikaner zu Ruhe und Seelenheil finden sollen. Schon bald wird aus den »Gotteserfahrungsangeboten des Rabbis vom preiswerten Schnellkurs in kosmischem Bewusstsein bis zum pittoreskeren, aber auch kostspieligeren Weg zur Selbsterleuchtung« ein florierendes Unternehmen.

Memphis ist zwar nicht der Nabel der USA, aber immerhin hat die Stadt schon einiges erlebt. Nachdem sie die Geburt des Rock’n’Roll und den Märtyrertod eines schwarzen Messias hinter sich hat, sind der Südstaaten-Metropole kontroverse Diskussionen nicht fremd. Aber die unwägbaren Kapriolen eines aufgetauten polnischen Heiligen mit uramerikanischem Geschäftssinn und sektenähnlicher Anhängerschar spalten die Bürgerschaft und rufen auch zahlreiche Neider, konservative Politiker und aufgebrachte Medien auf den Plan. Eine Katastrophe bahnt sich an.

Doch gemach, bis dahin sind noch viele Seiten zu füllen. Das erledigt Stern auch mit einem zweiten Erzählstrang, in dem er mit humorvollem jüdischem Kolorit schildert, wie der Rabbi von Bernies leidgeprüften Vorfahren im Eisblock aus einem polnischen Ghetto des Jahres 1889 bis nach Memphis geschafft wurde.

Stern hat sich mit dem Wechsel der beiden Erzählstränge und einem Zeitraum von über 100 Jahren sehr viel aufgebürdet. Da wundert es nicht, dass er nicht die Waage halten kann. Die eindeutig stärkeren und besonders fulminanten Passagen seines Romans widmet er der haarsträubend abenteuerlichen Reise des Rabbi-Eisblock-Sargs aus dem von Russen vernichteten polnischen Dorf über Lodz und New York bis nach Memphis. Da läuft Stern zur schriftstellerischen Höchstform auf. Dass dabei die Wandlung des »Eis-Heiligen« zum geschäftstüchtigen Kapitalisten nicht immer überzeugend genug dargestellt wird, liegt auf der Hand. Doch das beeinträchtigt das Lesevergnügen im Ganzen nicht. Denn der Blick in die Vergangenheit ist prall gefüllt mit Bildern, trotzt vor schierer Fabulierlust und Schlitzohrigkeit, bietet mehr als nur vordergründigen Sprachwitz und entwickelt einen derartigen Sog, dass man sich dem noch viel länger hingeben möchte. Diese Kapitel mit ihren irren Wendungen belegen eindrücklich, dass Stern ein legitimer Nachfolger von Isaac Bashevis Singer ist, der nicht zufällig bereits mit vielen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde.

Bleibt noch zu erwähnen, dass Friedrich Mader eine glänzende Übersetzung vorgelegt hat und dieser meisterhaft skurrile Roman voller Tragik, Komik und jüdischer Philosophie ebenso absurd-fulminant endet, wie er begonnen hat.

Nevfel Cumart

Steve Stern: Der gefrorene Rabbi. Roman. Karl Blessing Verlag, München. 496 Seiten.

 


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