Volker Mauersberger: »Kalte Wut. Der Fall Rinsche«

 

Mord mit einem Bügeleisen

Ein packender Roman über einen realen Mordfall in der Nachkriegszeit

Manchmal gibt es Themen, die einen das ganze Leben lang verfolgen, zu denen die Gedanken ständig zurückkehren. So erging es auch Volker Mauersberger. Der promovierte Journalist arbeitete lange Zeit als Auslandskorrespondent für Die Zeit, Die Woche und später auch für die ARD. Er bereiste dabei die ganze Welt, doch stets kehrten seine Gedanken zurück an einen kleinen Ort in Westfalen: Gevelsberg, am Rande des Ruhrgebiets zwischen Hagen und Wuppertal gelegen, war die Heimatstadt des Journalisten
und – als dieser gerade zehn Jahre alt war – der Tatort eines spektakulären Mordfalls.

Damals, im September des Jahres 1949, erschlug die 38-jährige Ellen Rinsche ihren Mann Josef mit einem Bügeleisen und wurde dafür im jungen Nachkriegsdeutschland als Symbol der Verdorbenheit stigmatisiert und zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt, ohne dass sich irgendjemand um die Hintergründe der Tat kümmerte. Genau die interessierten aber Mauersberger. Jahrelang »geisterte« in seinem Kopf die Frage herum: Wie konnte es so weit kommen, dass eine bis dahin unauffällige Frau aus bürgerlichem Hause ihren Mann erschlägt, ihn zerstückelt und seine Leichenteile mit dem Kinderwagen und der Bahn in eine andere Stadt bringt?
Nachdem Mauersberger in den beruflichen Ruhestand trat, nahm er sich die Zeit, endlich dieser Frage nachzugehen. Und er hatte Glück: Alle Ermittlungs-, Polizei- und Gerichtsakten zu diesem Fall aus der deutschen »Trümmerzeit« waren noch im Stadtarchiv von Gevelsberg vorhanden.

Mit akribischer Genauigkeit nutzte Mauersberger diese Akten als Quelle, nahm noch die Verhörprotokolle und die Zeugenaussagen hinzu und reicherte das Ganze mit eigenem Einfühlungsvermögen an. Mit dieser Mischung zeichnet er in seinem ungewöhnlichen Buch »Kalte Wut« den langsamen Verlauf der Eskalation hin zur menschlichen Tragödie nach. Ihm ist der Versuch literarisch gut geglückt, 60 Jahre nach dem Mord in die innere Gefühlswelt und Psyche der Ellen Rinsche vorzudringen, die damals in der Presse als völlig kalt und skrupellos dargestellt wurde, und die speziellen zeitgeschichtlichen Lebensumstände nach dem Krieg aufzuzeigen.

Was Mauersberger, der zuvor mit Sachbüchern auf sich aufmerksam gemacht hat, in seinem »Roman über einen Mordfall« schreibt, wird kaum jemanden kalt lassen. Einerseits der Mord nicht: Den Ehemann zu erschlagen, ihm Kopf und Gliedmaßen abzuschneiden, diese in Tüten, Decken und Taschen zu verpacken und in Hausruinen und Toiletten zu deponieren, ist wahrlich grausig. Andererseits die Hetze der Presse, die in der Frau einzig die Bestie und Gattenmörderin sah, und die Ignoranz, fairer ausgedrückt, die Unsicherheit des Gerichts vier Jahre nach der nationalsozialistischen Herrschaft.

Man braucht kein Jurist zu sein, um zu wissen, dass heute ein anderes Urteil gesprochen, dass mildernde Umstände und Notwehr berücksichtigt würden. Und schließlich erschüttert auch das Schicksal der Ellen Rinsche die Leser. Man wird ihre Tat niemals gutheißen können. Doch man kann mit Mauersbergers Buch etwas von der grenzenlosen Einsamkeit, Isolation und Hilflosigkeit dieser Frau nachempfinden. Sie war nicht nur der Gewalt ihres jähzornigen Mannes ausgesetzt, sondern auch den Konventionen und Fesseln der Gesellschaft, die eine Scheidung unmöglich machten. Nach Jahren der Misshandlungen, Vergewaltigungen und der verzweifelten Ausweglosigkeit sah sie keine andere »Lösung« für sich und ihren kleinen Sohn.

Als sie die schreckliche Tat beging, wusste Ellen Rinsche nicht, dass kurz zuvor die Todesstrafe abgeschafft war. So suchte sie den Tod im Limburger Zuchthaus selbst. Ein tragisches, ein beklemmendes Frauenschicksal und ein Stoff, der darauf wartet, als Sittengemälde der deutschen Nachkriegsgesellschaft verfilmt zu werden. Mauersberger arbeitet bereits an einem Drehbuch.

Nevfel Cumart

Volker Mauersberger: Kalte Wut. Der Fall Rinsche. Emons Verlag, Köln, 2009. 223 Seiten.

 


Powered by Wordpress |