Yasar Nuri Öztürk: »Der verfälschte Islam«

 

Der türkische Martin Luther des Islams

Der populäre Theologe Öztürk widerlegt die Islamisten

Wären die Forschungsergebnisse des Istanbuler Rechtsanwaltes, Theologie-Professors und Bestsellerautors Yasar Nuri Öztürk in Deutschland so bekannt wie in der Türkei, hätte es Mitte März das »Koran-Urteil« jener Frankfurter Richterin wohl kaum gegeben. Diese hatte das Schlagen der Ehefrau als in der islamischen Welt durchaus üblich und als durch den Koran gestützt erklärt.

Aber wenn Koran-Exegese so einfach wäre, brauchte es den islamischen Theologen Öztürk nicht. Denn der belehrt uns in seinem bei Grupello erschienenen Buch »Der verfälschte Islam« eines Besseren: Islam ist das, was im Koran steht und nicht die arabische Tradition. Aber selbst eine Koran-Exegese, die sich eindimensional auf das scheinbar offensichtliche Koran-Wort beruft, ist problematisch: der Koran muß linguistisch und soziologisch differenziert betrachtet werden.

So ist Öztürks Anliegen in diesem Buch das Herausschälen des »wahren Islam« und das Identifizieren der erfundenen Bestandteile, die heutzutage (neben der traditionellen arabischen Lebensweise) für den Islam gehalten werden. In seinem für die deutsche Leserschaft bearbeiteten Werk erklärt der Autor 50 Begriffe wie zum Beispiel Wallfahrt, Gebet, Koranlesen, Heilige Nächte im Licht des Korans und stellt ihnen die erfundenen Neuerungen gegenüber.

Diese Neuerungen stellen für Öztürk eindeutig unerlaubte Hinzufügungen zur Religion dar und sind daher Häresie. Sicher, die genannten Stichwörter mögen besonders für praktizierende Muslime von tieferem Interesse sein. Doch auch (und gerade) der nichtmuslimische Leser wird bei vielen anderen Themen wie zum Beispiel »Wie Frauen ihrer Rechte beraubt wurden« oder »Die Scharia – was sie ist und was sie nicht ist« überzeugend aufgeklärt.

Folgen wir dem Autor nun zu zweien der vielen Höhepunkte seines Buches und beginnen wir mit dem Eingangsbeispiel und den Frauen, die anscheinend Schläge in Kauf zu nehmen haben: In Sure 4, 34 steht wörtlich: »Und diejenigen, deren Widersetzlichkeit ihr befürchtet – ermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie.« Scheinbar eindeutig.
Jedoch: Das arabische Wort darb besitzt cirka zwanzig(!) verschiedene Bedeutungen, darunter die gewöhnlichste: »schlagen«, aber auch: »des Heims verweisen«. Hier ist also ganz klar eine übersetzerische Entscheidung zu treffen, zu der uns laut Öztürk in diesem Fall der Prophet selbst den Weg weist: Dieser schlug nämlich keineswegs seine der Untreue bezichtige Ehefrau Aischa, sondern schickte sie zu ihren Eltern, bis die Vorwürfe geklärt waren (in Sure 24 wird Aischa entlastet).

Als zweites Beispiel wollen wir die traditionelle islamische Aufteilung der Welt in »das Haus des Islams« und »das Haus des Krieges« betrachten. Öztürk definiert: Das »Haus des Islams« sei jede rechtsstaatliche Staatsform, und zwar unabhängig von ihrer Religion. Das »Haus des Krieges« bezeichne Gebiete, in denen keine Rechtsstaatlichkeit herrsche – was durchaus auch auf einige islamische Länder zuträfe. Zitat: »Zu behaupten, daß Saddam und die Saudis über ,Häuser des Islams’, die Regierungen Schwedens, Deutschlands und der Schweiz hingegen Regime von ,Häusern des Krieges’ seien, widerspricht der Wahrheit und dem Menschenverstand.« Wäre es anders, dürften Muslime in diesen Ländern (d. h. in Häusern des Krieges) ihre Religion nicht ausüben!

Wirklich kritikwürdig ist für den Rezensenten nur ein Aspekt: Öztürk sieht in der jüdischen und christlichen Religion eine Quelle des Aberglaubens. Dies stimmt natürlich nicht, denn Aberglaube ist ein Kennzeichen einer unerwachten Menschheit im Allgemeinen. Und wenn Öztürk ein paar Seiten weiter von der Verführungskraft des Teufels spricht, möge man sich vor Augen halten, daß er nicht nur ein brillanter Intellektueller ist sondern auch Orientale und ein Muslim, für den der Teufel als der große Gegenspieler einfach dazugehört.

Erfrischend ist Öztürks Ton, der einerseits streng sachlich ist, andererseits ohne diplomatische Floskeln auskommt: Er benennt Lüge, Erfindung und politische Instrumentalisierung mit genau diesen Worten.

Es wäre wünschenswert, wenn noch mehr Bücher von Öztürk ins Deutsche und andere europäische Sprachen übersetzt würden. Und vor allem dem »Verfälschten Islam« ist eine große Leserschaft zu wünschen, denn sein Autor, der in der deutschen Presse schon salopp als »Türken-Luther« bezeichnet wurde ist ein Hoffnungsträger für Orient und Okzident!

Nevfel Cumart

Yasar Nuri Öztürk: Der verfälschte Islam. Grupello Verlag 2007. 191 Seiten.

 


Powered by Wordpress |